Volltext: Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart

336 
Drittes B: 
festigt, mit langem, ziemlich engem Aermel, und ein weites mantelartiges 
Oberkleid, auf der Schulter oder am Halse durch eine Agraffe gehalten, 
oder auch ganz wie in der Antike über Schulter und Arm gezogen, bald 
in freierem Wurfe, bald in engerer Umhüllung das reichste Wechselspiel 
der Formen in bewegtem Faltenwurf darlegend. So nahe dies alles 
noch der Antike steht, so ist es doch ein neuer Geist, der aus den 
Stellungen, Geberden, ja aus den Köpfen in jugendlicher Anmuth zu uns 
spricht.  
Für die siöllige Wiirtligung der Plastik dieser lüpoche ist nun auch 
ein Blick auf ihre Bemalung nothwendig: Um die Bedeutung derselben 
zu verstehen, muss man sich erinnern, dass die Architektur des Mittel- 
alters in umfassendster Weise von der Polychromic Gebrauch machte. In 
der altchristliehen Epoche und bei den Byzantiner-n wurde das ganze 
Innere der Kirchen mit bunter Marmortitfelung und Mosaiken, meistens 
auf Goldgrund, bedeckt. Der romanische Styl erbte zwar nicht jene kost- 
baren Stoffe, wohl aber den Sinn für vielfarbige El'Sl:ll6i1lLlllg' des Innern. 
Mit seinen Vitandgemälden, seinen Teppichen und der Prachtbekleitlung 
der Altäre suchte er Aehnliches zu erreichen; dazu fügte er den Schmuck 
farbenstrahlentler Glasgemältle. Als die Plastik schüchtern anfing, sich 
an der Dekoration des Innern zu betheiligen, erhielten auch ihre WVerkc 
kräftige Bemalung, um sich harmonisch dem Licbrigen anzuschliesslan. 
Alles (las gewann aber eine neue Bedeutung in der gothiseheil Epoche. 
Je inniger Plastik und Architektur sich jetzt zu gemeinsamer Wirkung 
verbanden, desto mehr musste Erstere sich dem polyehromen Ilausgesetze 
der Herrin unterwerfen. So finden wir denn, dass nicht bloss reich ge- 
musterte Goldvcrzierung, von einem leuehtcilden Roth, einem kräftigen 
Blau unterbrochen, die Gewänder bedeckt, sondern dass selbst die nackten 
Theile, Gesicht und Hände in zarter Weise naturgetreue Bemalung er- 
halten. Weit entfernt von grobnaturalistischer Wirkung, verklärt dieser 
rosige Schimmer das jugendliche Lächeln der Gesichter und verstärkt den 
Ausdruck der Empfindung; die Farbe im Ganzen aber verdeckt gleichsam 
die plastischen Mängel dieses Styles, indem sie ilnf der Malerei näher 
stellt. Diese Polychromie gilt vorzugsweise für die plastischen Werke 
des Innern. Wo aber das Innere gleichsam in's Aeussere hinausqtiillt, 
und in bildnerisehenf Schmuck die Bedeutung des Ganzen sich aus- 
sprechen soll, an den reichen Sculpturen der Portale, da ist häufig 
dieselbe prachtvolle Polychromie durchgeführt, wie wir Aehnliches schon 
in der vorigen Epoche zu Bourges fanden. Zu ihreni Schutze dienen 
die angebauten Vorhallen, die ebenfalls jetzt glänzenden plastischen 
Schmuck erhalten.   
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.