Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640565
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Drittes Buch. 
gesetzt. Als nun die Sagen der Urzeit wieder in "die Poesie eindrangen 
war ihnen die nrsliriinglielie Seele geraubt und sie mussten nun in oft 
milhevoller und gezwungener Weise sich der inzwischen herrsehend ge- 
wordenen christlichen Iknsehaunng anbeqrlemen. Daher kam es, dass 
unser Volk kein nationales Epos im Sinne der Ilias _und Odyssee hervor- 
bringen konnte; daher kam es ferner, dass die Sänger nicht für das ganze 
Volk diehteten, sondern nur für einen auserlesenen Kreis, für das höfiseh 
gebildete Ritterthum. Und daher musste die gesammte Poesie das Ge- 
präge des Künstlichen erhalten, das nur zu bald in erkünsteltes, eonven- 
tionelles Wesen ausartete. 
Densclbcn glänzenden Aufschwung zeigt nun auch die Architektur. 
Das nordöstliche Frankreich, das im gesammten Kultur-leben damals mit 
Erfolg nach der Führerschaft rang, stellt in dem neuen gothischen Styl 
eine Schöpfung hin, in welcher Kühnheit der Ccnstruction und Scharfsinn 
der Berechnung sich mit glänzender Pracht und dem edlen Ausdruck einer 
begeisterten Empfindung verschmelzen. Mit dieser Wendung geht die 
Baukunst völlig in die Hände der Laien, der bürgerlichen Meister über. 
Aber der ritterliche Geist der Epoche befeucrt auch ihre Phantasie, und 
das gesteigerte kirchliche Leben, die schwungvollere religiöse Empfindung 
geben ihren Werken einen seelenvolleren Hauch. Dies Alles vermochte 
aber nur durch eine reichere Anwendung und höhere Entwicklung der 
Plastik sich auszusprechen. Daher sehen wir nun in den Portalen und den 
Vorhallen, aber auch an anderen Stellen, in den Galerien der Fagaden, den 
Baldachinen der Strcbepfciler, den Wänden der Chorschrankcn die Archi- 
tektur eifrig bemüht, aus der bisherigen Knappheit zu breiteren Anord- 
nungen überzugehen und der Schwesterkunst eine freiere Stätte zu bereiten. 
Architektur und Plastik, von denselben Künstlern ausgeübt, zeigen nun 
wieder eine Wechselbeziehung und ein lebendiges Zusammenwirken, wie 
es seit der griechischen Blüthezeit nicht mehr erblickt werden war. Denn 
nicht in planl0sei' Verwirning, sondern in durchdachter Anordnung breitet 
die Plastik ihre Schöpfungen über den Körper des Bauwerkes aus. Da- 
durch wird den Bildwerken eine freiere Stellung gesichert, dadurch der 
Empfindung die Möglichkeit geboten, die Gestalten ganz zu durchdringen 
und in natürlichen Fluss zu setzen. Man erkennt bald, dass die Künstler 
sieh ganz anders bewegen als die Meister der früheren Zeit. Sie schauen 
mit unbefangenem Blick in's Leben, das sie frisch und naiv aufzufassen 
suchen; sie machen ihre Studien nach der Natur und selbst nach der 
Antike, freilich meistens mehr nach der Erinnerung als nach der unmittel- 
baren Anschauung; sie sind empfänglich für den Ausdruck der Empfin- 
dung, welcher in den beweglichen Zügen des Antlitzes sich spiegelt. Alles
        

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