Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640551
Drittes Kapitel. 
Nordische Bildncrci 
der frühgothischen Epoche. 
331 
Auch dieser Lenz kommt im Geleit eines ganzen Chors von Sängern. 
Denn aus dem barbarischen. Mönchslatein arbeiten sich überall die natio- 
nalen Sprachen hervor, die im Volke fortgelebt hatten, und erst jetzt, da 
ein neuer Hauch der Empfindung sie beseelt, sich ihrer eignen Schönheit, 
Kraft imd Klangfülle bewusst werden. Was an Sagenschätzen aus heid- 
nischer Vorzeit und aus christlicher Ueberlieferung im Volke lebte, dessen 
bemächtigen sich jetzt die Dichter und lassen es in kunstvoll gebauten 
Strophen und klingenden Reimen ertönen. Die provenzalisehe Ritterschaft 
macht darin den Anfang, und die nordfranzösische folgt ihr: aber erst im 
Gemüthe der deutschen Sänger erhalten die alten Stoffe ein tieferes Leben 
und eine neue Beseelung. Die kurzeZeitspanne der beiden ersten De- 
cennien des (lreizehntcn Jahrhunderts umfasst die wyundersame Iclerrlich- 
keit einer Blüthe nationaler Dichtungqwic wir sie in ähnlicher Fülle erst 
sechs Jahrhunderte später auf's Neue erleben sollten. Hartmann von Aue 
wciss in die geschmeidige Form seiner weichen Verse selbst die unschönen 
Stoffe barocker Sagen zu hüllen; NValthcr von der Vogelweide lässt neben 
so vielen andern Sängern als Nachtigall des jungen Lenzes der Poesie 
seine innigen Lieder e1'schallc,n; neben dem gedankenvollcn 'l"iefsinn, dem 
sittlichen Ernst Wolframs, der in seinem Parzival ein Werk wundersamen- 
Mystik in die Luft baut, feiert Meister Gottfried von Strassburg in seinen 
 Versen kühn die Gewalt der Leidenschaft, die im Sturme der 
tieterregtcn Sinnlichkeit alle Schranken übertluthet. Welchen Reichthum 
von Tönen scvhlagcn diese Sänger an! WVas irgend das liienscluänherz 
in Lust und Leid bewegt, das klingt aus ihren Dichtungen zu uns herüber. 
Wie seltsam contrastirt diese übcrsprudelndeBcredtsamkeit der jugendlich 
begeisterten Poesie gegen die stumme, wortkargc, oder noch unbeholfen 
und vereinzelt stannnelndc Weise der früheren Zeit. Und daneben er- 
wachen die alten nationalen Heldensagen zu neuem Leben, erhalten in der 
Dichtung der Nibelungen einen grossartigen Abschluss, und selbst der 
naive Volkshumor findet in dem uralten Thicrepos des Reinecke Fuchs 
seinen Ausdruck.  
Was also das Christenthuni fast ein halbes Jahrtausend hindurch 
mühsam zurüekgedliiligt hatte, das alte germanische Naturgefühl und die 
Pheude an den gewaltigen l-Ieldensageu der Vorzeit, das steht jetzt unauf- 
haltsam wieder auf, fordert und erhält von der Poesie ein neues Leben. 
Aber Eins war unwiederbringlich verloren gegangen: der ursprüngliche 
Zusammenhang der (Ritter-lehre mit (len nationalen Sagen und dem ange- 
berneu Naturgefühl. Die ehristliehe Religion hatte den lllittelpunkt, aus. 
Welchem die Sage ihr tieferes, velleres Leben sehüpfte, ausgemerzt und 
den nordischen Völkern gleichsam ein neues Herz für das alte in die Brust
        

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