Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640411
Zweites Kapitel. 
Die 
byzantjnisch 
romanische Epoche. 
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Unsitte, die Kapitäle zu passiven Trägern geschichtlicher Darstellungen 
zu machen, wurde also hier in ein vollständiges System gebracht, und 
beide Künste, zu beider Nachtheil, mit einander vermischt. Noch augen- 
fälliger war dies aber an den untern Theilen der Portale der Fall. Hier 
sind unmittelbar an teppichartig geschmückten Säulenschäften auf will- 
kürlich angebrachten Consolen überlebensgrosse Gestalten männlicher imd 
weiblicher Heiligen, meistens mit reichgesehmückten Diademen gekrönt, 
angebracht (Fig. 122). Ueber ihren Häuptern sind ebenso willkürlich an 
den Seitenportalen Baldachinarchitekturen angebracht, welche dem Säulen- 
schaft ganz äusserlich angeklebt erscheinen. Man sieht, wie die Plastik 
sich hier der Architektur gewaltsam aufgedrängt hat. Dafür wird aber 
das Leben ihrer Gestalten selbst versteinert, sie sind zu einem integriren- 
den Theile der Architektur geworden und lehnen so passiv ausdruckslos 
an ihren Säulen wie in den ägyptischen Teinpelvorhöfeii die Priester- 
gestalten an ihren Pfeilern. Starr, typisch, säulenartig in die Länge ge- 
zogen mit überzierlichem Parallelgefäilt des Gewandes, das in seiner tiefen 
Unterschneidung an die Kanellirungen von Säulenschäfteil erinnert, die 
Füsse gleiehmässig neben einander und abwärts gesenkt, erinnern sie an 
die primitiven Bildwerke auf Leichenstcinen. So stehen sie da nicht wie 
gekrönte Fürsten, sondern wie eine Schaai- von commandirten Dienern, 
mit derselben gesenkten Kopfhaltung, denselben schmal zusammenge- 
drückten Schultern, derselben vorschriftsmässigen Haltung der Arme und 
wagen nicht sieh zu rühren, weil jede freie Bewegung sie mit den Nach- 
barn und mit der Architektur in Contlikt bringen Würde. Während aber 
die Körper so in regnngsloser Starrheit das äusserste Mass byzantiniseher 
Strenge noch überschreiten, versucht die Kunst sich an den Köpfen 
schadlos zu halten. Zwar vermag sie noch nicht, ihnen den lebendigen 
Ausdruck von Empfindung zu geben, wohl aber strebt sie nach dem Ge- 
präge des Individuellen, und zwar auf dem Wege einer selbständigen Na- 
turauffassiing. Denn hier zum ersten Male begrüsst uns in der mittelalter- 
lichen Kunst, die bis dahin die antike Kopfbildnng, freilich zu äusserster 
Stunipfhcit hcrahgesunken, festgehalten hatte, wie ein erstes Lächeln des 
Frühlings das germanische Volksgesieht mit seinen treuherzig schlichten 
Zügen. Freilich noch schüchtern, mit geneigter Ilaltung, die Augen bis- 
weilen niedergeschlagen, die feinen Lippen zum Lächeln verzogen, wie im 
Ausdruck demüthiger Verlegenheit. Aber aus dieser bescheidenen Hal- 
tung weht uns ein neuer Geist entgegen wie aus den ächten archaischen 
Gebilden der griechischen Kunst, die ebenfalls die Vorboten einer herr- 
lichen Blüthezeit waren. UUWillkllYllCll werden wir an die Statuen des 
Tempels von Aegina erinnert, aber der Vergleich zeigt sofort auch den
        

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