Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640225
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Drittes Buch. 
Deutschland. 
Relief der 
Externsteine. 
lässt sich in allem Einzelnen der Gewandung, des Affekts, der Körper- 
iauffasstlng nachweisen. Alles das ruht noch auf antikem Grunde, aber 
durchweg sind Veränderungen eingetreten, die den antiken Nachklang 
stark übertönen. Die Körper sind gedrungeuer, resoluter, die Gewänder 
theils einfacher, theils mit einem sichtlichen Streben nach Zierlichkeit und 
neuen Motiven oft tlatternd bewegt und mit Details überladen, die Ge- 
berden und Bewegungen athmen eine frische, naive Lebendigkeit. Das 
Alles führt aber noch nicht zu einem höheren Adel der Auffassung, zu 
einer reineren, bewusstvollen Durehbildung der Form. Viehnehr stehen 
in dieser Hinsieht die Werke des 12. Jahrhunderts, wie gesagt, nicht selten 
tiefer als die früheren. Dennoch ist der Fortschritt ein unverkennbaren  
Halten wir Umschau über die Leistungen dieser Zeit, so werden wir 
zwar immer noch Deutschland an der Spitze finden, aber auch die 
übrigen Völker betheiligen sich fortan vielseitiger und (lurehgreifender 
an der Entwicklung. Dem Anfange dieser Epoche gehört zunächst das 
Relief der Externsteine bei Horn in Nilestfalent), eine merkwürdige 
und grossartige Composition, die Kreuzabnahme enthaltend (Fig. 11.9). 
Es ist an einer Felswand in der Nähe eines grottenartigen Heiligthtims 
ausgehauen, dessen Einweihung im Jahre 1115 wahrscheinlich auch die 
Entstehung des Bildwerlaes bezeichnet. Trotz arger Zerstörung wirkt es 
noch immer ergreifend durch die eigenthümliche Energie der Auffassung. 
Voll Empfindung ist ilamentlieh die Stellung der Maria, welche das herab- 
sinkende Haupt ihres Sohnes mit den Händen stützt und ihr eigenes, jetzt 
zerstörtes Gesicht voll Schmerz und Liebe dagegen lehnt. Sonne und 
Mond sind in antikerCharakteristik in Merlaillons dargestellt; der Künstler 
lässt sie durch Weinen ihr hlitgefühl lebhaft bezeugen. Die Haltung des 
Johannes, der seine Theilnahme gleichfalls aussert, ist allerdings be- 
fangen; aber seine Verbindung mit der Gruppe der Uebrigen zeugt von 
einem entwickelten Sinn für Rhythmus und Gleichgewicht, wie denn in 
dieser Hinsieht die Uomposition Bewunderung verdient. Nicht ganz klar 
ist die Bedeutung der (iestalt, welche über dem Querbalken des Kreuzes 
mit der Siegesfahne erscheint: vielleicht Gott Vater, der die Seele (ihristi 
in Gestalt eines Kindes auf dem Arme tragt. Der tuitere Theil der Com- 
position ist so arg zerstört, dass unsere Abbildung ihn fortgelassen hat. 
Er scheint zwei menschliche Gestalten, von einem Drachen uun-ingelt, ent- 
halten zu haben. Das waren also die von der Sünde umstriekteil Urältei-n 
der Menschheit, welche durch Christi Kreuzestod erlöst werden. 
M assm an u , 
der Externstein in Westfalen.
        

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