Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640207
296 
Drittes B1 
Schranken 
der Ent- 
xvicklung. 
Bewegung der Geister in immer ausgedehnteren Kreisen erkennen lassen. 
Die abendländische WVelt avird von mächtigen Strömungen ergriffen und 
fortgerissen; die religiöse Begeisterung gewinnt in den Krcuzzügen einen 
phantastischen Ausdruck; das Rittcrtlnnn geht seiner Blüthe, das Bürger- 
thum einer selbständigen Entfaltung entgegen. Die höheren Interessen 
des Lebens dringen in weitere Kreise; der gesteigerte Verkehr mit dem 
Orient führt dem Abendlande neue Anschauungen zu; der Handel sucht 
und findet neue Wege; Alles regt und entfaltet sich mit jugendlicher Le- 
benskraft. Die Nationen bilden im gesteigerten WVechselverkehr ihre 
Eigenthümliehkeit scharfer und charaktervoller aus, und diese kräftigere 
Selbständigkeit giebt allen künstlerischen Werken ein neues Gepräge. 
Freilich kommt dies in erster Linie der Architektur zu Gute. Sie wird 
mehr noch als vorher die führende, die tonangebende unter den Künsten; 
denn die grossen, neu entwickelten Volkstypen mussten naturgemass zu- 
nächst in den Werken derjenigen Kunstywelche vorzugsweise die allge- 
meinen Ideen der Zeiten und der Massen zu verkörpern berufen ist, ihren 
Ausdruck gewinnen. Aber diese Umgestaltung macht sich sofort auch 
an den Arbeiten der Bildnerei geltend. Die grössere Lebendigkeit des 
Wollens, das Streben nach reicheren Formen, welches die architekto- 
nischen Werke fortan kraftvoller gliederte, mannichfachei- schmückte und 
besonders eine ganz neue Entfaltung des Portal- und Fagadenbaues 11er- 
vortrieb, konnte nicht ohne die lebhafteste Betheiligung der Plastik zur 
Verwirklichung kommen. Früher hatte man die bunte Farben- und Gold- 
praeht des Inneren- das Erbe byzantiniseher und altchristlieher Kunst  
dazu für genügend erachtet. Jetzt verlangte man nach einer dem bau- 
lichen Organismus sich unmittelbarer ansehliessenden, oder vielmehr aus 
ihm  Dekoration. Jene alten Prunkstotfe wurden darum 
nicht mitgegeben, aber doch auf einen gewissen Kreis von Aufgaben ein- 
geschränkt, der sogar ihn-eh die Rüekwirküng der architektonisch ge- 
wordenen Bildnerei eine Bereicherung und neue Belebung empfing. Aber 
es irurde nnnlnehr auf eine gediegene monumentale Plastik in Stein und 
in einem bildsamen, sich steinartig erhartenden Stuck ein ganz anderes 
Gewicht gelegt. Die Altäre, die Kanzeln, die Schranken, welche den Chor 
von den übrigen Itaiunen trennen, werden in dieser Weise ausgeführt und 
mit Sculpturen reich geschmückt. An den Taufbrunnen tritt die Stein- 
plastik mit dem Erzguss in die Schranken. Endlich bieten die stattlicheren 
Portale, die gesannnten Fagaden, oft auch die Chorseiten (ler Kirchen 
dem Bildhauer reichen Anlass zur Bethätignng. 
Man würde indess irren  wenn man glaubte, dass diese vielseitige 
Thätigkeit schon bald zu einer höheren Vollendung der plastischen Werke
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.