Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640167
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Drittes Buch. 
Erzsäule 
zu 
Hildesheim. 
Andere 
Erzwerke  
sich ganz vom Grunde löst und sich dem Beschauer entgegen neigt, 
wodurch der Mangel an organischem Verstandniss der menschlichen Ge- 
stalt noch auffallender wird. 
Wie wenig man sich damals über die Gesetze der Rcliefbilrlnerei 
klar war, wie sclnvankeiul man nach einer festen Regel umhertappte, be- 
weist ein anderes von Bernward herrührendes Werk, die ehemals in der 
Michaeliskirche befindliche, jetzt auf dem Domplatz aufgestellte eherne 
Saule, welche 1022 errichtet wurdet]. Nach Verlust des Kapitals und 
eines Kruziüxes, das auf demselben stand, ist die Säule noch jetzt an 
fünfzehn Fuss hoch und vollständig mit Reliefs bedeckt, welche spiral- 
förmig den Schaft umziehen. Diese schildern in vielen aneinander gereih- 
ten Scenen die Geschichte Christi von der Taufe bis zum Einzuge in J eru- 
salem, ergänzen also die Lücke, welche auf den Dai-stcllungcil der Thür 
geblieben war. TVenn die Anordnung solcher Säulen im Chore der Kirchen 
damals nicht selten war, so steht doch eine derartige plastische Aus- 
schmüekung (lersclben ganz vereinzelt da und ist nur (lurch das Beispiel 
der Trajanssänlc in Rom, welche Bernward aus eigener Anschauung 
kannte, zu erklären. Wir haben also hier einen neuen merkwürdigen Beleg 
für die nachhaltige Kraft der antiken Ueberlieferung und für den Eifer, 
mit welchem damals das gelehrte und ktinstlerische Deutschland die Antike 
studirte. Die Beniwardssanle ist in dieser Hinsicht das plastische Seiten- 
stück zu den lateinischen Dramen der Gandersheimer Nonne Roswitha. 
Auch die Behandlung des Reliefs, abweichend von der an's Durftige gren- 
zenden Klarheit der Thürsculpturen, schliesst sich der gedrangteren Fülle 
des römischen Vorbildes an. Die Figuren selbst sind wohl noch roher, 
als die auf der Thür, während die Auffassung ebenso naiv und zum Theil 
von ansprechender Lebendigkeit ist. Beide Werke zeigen deutlich, dass 
es der jungen strebsamen Kunst nur an der Uebung und der strengeren 
architektonischen Zucht fehlt, die erst da gewonnen wird, wo die Bautha- 
tigkeit die Plastik zu grösserer Betheiligtulg heranzieht. 
Dass der Erzgnss im weiteren Verlaufe des elften Jahrhunderts in 
Deutschland schwungvoll betrieben wurde, ohne jedoch erhebliche Fort; 
schritte zu machen, geht aus einer Anzahl erhaltener Werke, die sich in 
verschiedenen Gegenden finden, hervor. Die Mehrzahl gehört dem nörd- 
liehen Deutschland an. So im Dome zu Erfurt die eherne leuchter- 
tragende Statue einer bekleideten männlichen Figur von herber Strenge 
 Ungenügende Abbildungen der Säule bei Kratz, der Dom zu Hildesheim. 
Ein Relief der Thür in charakteristischer Zeichnung bei Kugler, Kunstgeschichte, 
4. Aufl. I. S. 397.
        

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