Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640060
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Drittes Buch. 
Elfenbein- 
schnitzerci. 
Zwei Stylc. 
Einfluss von 
Byzanz. 
WVeitere 
Beispiele. 
ersten Epoche fast bis ins 12. Jahrhundert hinein ausschliesslich Klein- 
kunst. Sie ist das Aschenbrödel und muss froh sein, in Nebenarbeiten sich 
hülfreich erweisen zu können. Es. ist anziehend zu beobachten, mit 
welcher Unverdrossenheit sie sich ihrer undankbaren und schwierigen 
Aufgabe unterzieht, und wie sie gerade durch diese Schule in technischem 
Geschick und Eriindungskraft allmählich erstarkt, so dass sie später allen 
grossen Aufgaben wohl vorbereitet entgegen tritt. 
In erster Reihe steht die Elfenbeinarbeit. Sie ist fast ausschliesslich 
wie alle Kunst dieser Zeit für kirchliche Bedürfnisse thatig. Sie schmückt 
die kleinen tragbaren Altäre nach Art der ehemaligen Diptychcn an der 
Innenseite mit Reliefs; sie stattet die Deckel der Bücher, bisweilen auch 
die Hostienbüchsen und andere kirchliche Gerathe mit Bildwerken aus. 
Hie und da finden sich auch Schmuckkästchen, Kämme, J agd- und Trink- 
höiner in Elfenbein ausgeführt. Man kann in diesen Werken zwei Style 
unterscheiden. Der eine ist jener barbarisch verwilderte, welcher auf 
einer immer mehr verblassten antiken Anschauung beruht; der andere 
schliesst sich byzantinischen Vorbildern an. Bis zu welcher Rohheit der 
erstere herabgesunken war, beweist initer Anderem der zingebliche Reli- 
quienkasten Heinrichs I. in der Schlosskirche zu Quedlinburg, an 
welchem die drei Marien am Grabe des Herrn, Christus, welcher die 
Jünger segnet, die Fusswaschung Petri und die Verklärung Christi in 
plumpen schwerfälligen Gestalten und mit unbeholfenster Technik darge- 
stellt sindft) Man begreift leicht, dass solchen Werken gegenüber die 
saubern und zierlichen Arbeiten byzantinischer Künstler gewaltig impo- 
niren mussten. Denn gerade die beweglichen Werke dieser Art gelangten 
durch Handelsverkehr und manche persönliche Beziehung nach dem Abend- 
lande und wurden dort Gegenstand der Bewtmderung und Nachahmung. 
Für Deutschland war die Vermahhmg Ottois II. mit der griechischen Prin- 
zessin Theophano (972) ein besondrer Anlass zur Verbreitung byzanti- 
nischer Ktnist. Das Hotel de Cluny zu Paris besitzt eine Elfenbeintafel 
mit der Darstellung Christi, der segnend seine Hände auf die Köpfe der 
viel kleineren Gestalten Ottois und seiner Gemalin legt. Letztere Beide 
sind mit steifen byzantinischen Prunkgewändern angethalli die Gestalt 
Christi dagegen zeigt in Gewand und Haltung etwas feierlich Grossar- 
tiges; die Ausführung ist sorgfältig und zierlich. 
Eine grosse Anzahl ähnlicher Arbeiten zeugt noch jetzt für die weite 
Verbreitung dieses Styles. So namentlich einige Relieftafeln in der Bi- 
bliothek zu Würzburg, welchc den heiligen Nikolaus in'Verehrung der 
w) Eine charakteristische Abbildung in Kuygloräs" K1. 
Schriften I. 
628.
        

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