Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1639961
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Drittes Buch. 
alte, nur die Gegcnstande werden dem christlichen Vorstellungskreise ent- 
nommen. Die Flachen werden entweder mit einer friesartig fortlaufenden 
Darstellung geschmückt, oder durch Saulenstcllimgen mit Giebeln und 
Bögen in einzelne Felder getheilt, die man mit figürlichen Gruppen anfüllt. 
Die Ausdrucksmittel der antiken Kunst kommen in (liesen Darstellungen 
vielfach zur Verwendung. S0 findet man es an dem grossen Porphyr- 
sarkophag der Tochter Constzlntins, Constantia, einem schwerfalligen 
Prachtstück, das aus der Kirche Sta. Costanza in das Museum des Va- 
ticans gelangt ist. Die unbehülflichen Sculpturen, welche mühsam mit 
der Härte des Materials ringen, zeigen auf beiden Langseitcn wiederholt 
in reicheln Rankenwerl: Genien, die mit der Weinlese und dem Keltern 
der Trauben beschäftigt sind: Darstellungen, die ursprünglich dem 
bakchischen Kultus angehören, bald aber, veranlasst (lureh gewisse 
Gleichnisse der Bibel eine christliche Nebenbedeutung empfingen. Auf 
verwandte Gc(lankeiiriehtung zielen das Lamm und der Pfau, welche 
die Ecken ausfüllen, letzterer als Symbol der Unsterblichkeit aufgefasst. 
Dagegen ist in demselben Saale des vaticanischen Museums ein ahn- 
lieher Porpliyrsarkopliag der Mutter Constantins, Helena, ganz frei von 
christlich zu deutenden Emblemen und zeigt vielmehr weltliche Darstel- 
lungen, die noch in tüchtiger antiker Arbeit voll Ausdruck und Bewe- 
gung sind. Andere Denkmäler, einfacher und anspruchsloser, begnügen 
sich mit den allgemein verständlichen christlichen Symbolen. Häufig 
findet man nur das Kreuz, umgeben von zwei Pfauen, wie an einer 
Aschenkiste in S. Stefano zu Bologna. 
Auf anderen Sarkophagen des vierten Jahrhunderts wird bereits in 
umfassender Weise Anwendung von gesehiehlichen Seenen aus dem Leben 
Christi gemacht. In acht antikem Sinne erscheint Christus auf diesen 
Darstellungen in jugendlicher Gestalt, umgeben von seinen Aposteln, in 
würdiger antiker Gewandung, als Lehrer und Wilunderthater. Dagegen 
finden sich in dieser Zeit nirgends Schilderungen aus der Lcidensge- 
schichte. Jener Gmndzug antiker Heiterkeit, der in früherer Zeit die 
Sarkophagskulpturen beherrscht hatte, klingt noch immer vernehmlich 
nach. Scenen aus dem alten Testamente gesellen sich hinzu und werden 
als Vorbilder für die Vorgänge aus dem Leben Christi verwendet. Wir 
finden hier die ersten Spuren jener typologischen Bilder-kreise, die in den 
Kunstwerken des späteren Mittelalters eine so wichtige Rolle spielen. 
Schon die grossen Kirehenlehrer des zweiten Jahrhunderts hatten in ihren 
Schriften den Anstoss zu dieser Richtung gegeben, die den Scharfsinn der 
Künstler zu üben und der Kunst Gedankentiefe und eine Fülle von Be- 
ziehungen zu verschaffen geeignet war.
        

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