Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1639640
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Zweites Buch. 
priesterlicher Toga, aus. Eben dort sieht man eine geistvolle und lebens- 
warme Marmorbüste des jugendlichen Augustus. Eine ganze Reihenfolge 
vorzüglicher Colossalstatileil, die bei Cervetri ausgegraben wurden, sind 
im Museum des Lateran vereinigt. Sie stellen Gernianieus, Agrippina, 
Drusns, Tiberius, Caligula, Claudius, Livia und den Augustus, von 
welchem jedoch nur die Büste gefunden wurde, dar. Zu den edelsten 
Frauenbildnissen gehört die ältere Agrippina im Museum des Kapitels 
(Fig. 100). Sitzend, in den Sessel zurüekgelehnt mit atifgestütztem linken 
Arme, gewithrt sie in vollendeter Leichtigkeit vornehmcr Haltung ein eben 
so anmuthiges als würdevolles Bild der edlen Gemahlin des Germanieus. 
Die Entwicklung der historischen Plastik umrde durch die römische 
Sitte der Errichtung von Siegesdenkmälern mächtig gefördert. Wie man 
in den Triumphzügeil die vornehmen Gefangenen fremder überwundener 
Völkerstamme einhcrzuftihren liebte, so stellte man bald an den Triumph- 
bögen Gestalten der besiegten Nationen auf. Schon Pompejus hatte vier- 
zehn Bilder üherwundener Nationen in der Sälllßnllzllle bei seinem 'l'hcatel' 
aufstellen lassen, welche davon den Namen Porticus ad nationes erhielt. 
Bezeichnend genug war es ein römischer Bildhauer, Coponius, welcher 
dieselben arbeitete. Solche Statuen waren aber nicht allegorisehe Ab- 
stractionen, sondeni lebensvolle Bildnisse, in welchen sich der Charakter 
der Barbarenstämme gleichsam typisch aussprach. Meistens verleiht ein 
schweifmüthigeu- Ausdruck, der sich wie ein sehieksalsvoller Schatten über 
die fremdartig charakteristischen Zuge ausbreitet, solchen Werken ein 
ergreifendes, fast tragisches Gepräge. Wir erkennen in diesen Schöpfun- 
gen die Fortsetzung dessen, was die frühere pergarneiiische Kunst in 
ihren Gallicrgestalten geschaffen hatte. Solcher Art ist jene schivernuithig 
schöne lllarnmrstzttue der Loggia de' Lanzi zu Florenz, welche man als 
Thusnelda zu bezeichnen pflegt. In höchst umfassender Weise waren 
solche Darstelhmgen an dem grossen Altar angebracht, welcher dem Au- 
gustus bei Lyon errichtet wurde, und der mit den Figuren von nicht 
weniger als sechzig gallischen Völkerschaften geschmückt war. Ein 
merkwürdiges Beispiel dieser Art von Monumcnten bietet im Museum zu 
Neapel die in Puteoli (Pozziloli) aufgefundene Basis einer Statue des 
Tiberius, welche im Jahre 30 n. Chr. als verkleinerte Copie eines (lem- 
selben Kaiser von vierzehn kleinasiatisehen Städten in Rom errichteten 
Denkmals geweiht wurde. In der lebendigen und geistvolleil Personifi- 
cat-ion erinnern sie an jene Figur der Stadt Antiocheizi von Eutychides, 
welche wir oben besprochen haben (S. H13.) Die reichere Entfaltung 
dieses Zweiges der Plastik wird uns in der folgenden Epoche be- 
gegnen.
        

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