Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1639592
Viertes Kapitol. 
Die Bildnerei bei den Römern. 
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als Penelope und "Felemaeh, Theseus und Aethra, lülektra und Orest ver- 
sucht worden sind, ist durch Otto Jahn zuletzt eine Deutung gegeben 
wortlen, welche mehr als jede andere das Kunstwerk vollständig erklärt. 
Es ist Aepytos, welcher nach langer Abwesenheit zurückkehrt, um seine 
Mutter Merope an ihrem Gemahl Polyphontes, dem- Mörder ihres ersten 
Gatten, zu rächen. Um den Frevler sicher zu machen, hat Aepytos sich 
für den Mörder des Sohnes ausgegeben. Merope, ausser sich vor Schmerz, 
steht schon im Begriff, ihr Kind an dem Fremdling zu rächen, als durch 
den alten Erzieher der ehemalige Ptlegling erkannt und der Sohn der 
Mutter wiedergegeben wird. Diesen von Enripidcs dramatisch behandel- 
ten Stoff, den auch der römische Dichter Ennius bearbeitet hatte, führt 
das hlarmorwerk in dem ergreifenden Momente der Wiedererkennung 
vor. Die Gruppe ist fein bewegt und innig empfunden, die Ausführung 
bei grosser Sorgfalt in der Anordnung des Gewandes nicht frei von ge- 
snczhter Zierlichkeit, wie denn überhaupt die unmittelbare Frische der 
ersten Empfindung ihr abgeht. 
Zu den vorzüglichsten Werken dieser Zeit gehört sodann der Apollo 
vom Belvedere, in den Ruinen des alten Antium gefunden, jetzt eines der 
gefeiertsten Werke des Vatican (Fig. 97). Die eleganten Formen des 
schlanken Körpers zeigen sich in unverhüllter Schönheit, nur über die 
linke Schulter fallt die Chlamys auf den Arm herab, der weit vorgestreckt 
die Aegis mit dem itlednsenhaupte hieltit). Der rechte Arm ist leieht vom 
Körper abgewendet, beide Hände tibrigens sind ungeschickt erneuert. Die 
a) Für die Auffassung des belvederisehen Apollon vergl. besonders Fmlerbacliir 
berühmte Schrift, die das Bildwerl-z zum Ausgangspunkt-e einer Reihe archäologi- 
scher und ästhetischer Untersuchuingen machte. Zur Erklärung des Kunstwerkes 
sind sodann in jüngster Zeit die Schrift Slephaniäs- (Apollon Boödromios, Bronze- 
stutue des Grafen Stroganoff. Petersburg 1860) und die sich daran sehliessende 
gelehrte und sehurfsinnige Abhandlung llfiitavclez-är (der Apollon Stroganoff und der 
Apollon vom Belvedere. Leipzig l86l) von grösster Bedeutung. Jene gegen 1792 
zu Paramythia unfern Janina gefundene, jetzt im Besitz des Grafen Stroganot? be- 
findliche Statuette ist mit der Statue vom Belvedere in allen wesentlichen Punkten 
so übereinstimmend, dass beide nach demselben, aus der grieehisdhen Blüthezeit 
stammenden Original gearbeitet sein müssen. Die Stntuette lässt ferner keinen 
Zweifel (luran, dass an einen Bogen in der Hand des Gottes nicht mehr zu denken 
ist, sondern dass er höchst wahrscheinlich die Aegis mit dem Gorgoneion in der 
Linken hielt, um einen verderblichen Feind damit in die Flucht zu jagen. Als 
diesen Feind mÜchteWieselcr nicht sowohl (nach I1. XV, 318 Ff.) die Schaaren 
der Aehüer, als vielmehr den pesthringenden Ares (nach Soph. Oed. R. 159 H.) an- 
gesehen wissen, weleheu Apollo als [lnheilabwender (Alexikakes, Apotropztios) 
vertreibt. Meines Bedünkens von allen bisherigen Erklärungen des Kunstwerks 
die schönste und befriedigendste. 
        

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