Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1639363
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Buch. 
Zweites 
Vorstellung zu geben. Denn es unterliegt keinem Zweifel mehr, dass wir 
in derselben eine Originalarbeit der pergamenischen Schule besitzen. Es 
ist ein Gallier, der beim siegreichen Nahen des Feindes, nachdem keine 
Aussicht auf Rettung mehr geblieben, sich das breite Schlaehtschwert in 
die Brust gestossen hat, um schimpflieher Knechtschaft zu entgehen. Er" 
hat sich, wie es einem tapfren Krieger ziemt, auf seinen grossen Schild 
gebettet; das zerbrochene Sehlaehthorn liegt unter ihm, und das breite 
Schwert ist seiner Hand entfallen, naehdeln es ihm den letzten Liebes- 
dienst erzeigt. Schtver sinkt der Kopf des Sterbenden nach vorn, während 
die aufgestützte rechte Hand nur mühsam noch den zusammenbreehenden 
Körper aufrecht hält. Das Auge umsehleiern schon die Schatten des 
Todes, die breite Stirn ist sehmerzgefureht, und den Lippen entflieht ein 
Seufzer. 
Sogenannte 
"Arria und 
Paetus." 
S0 ist in e1'selnitte1'ndei' Wahrheit die grausame Notlwvendigkeit des 
Sterbens ausgedrückt, aber sie wird uns nicht durch heroischen Auf- 
schwung der Seele des Helden geadelt, sondern der Künstler lasst uns 
den bittren Kelch bis zur Neige leeren, indem er uns unerbittlich an (las 
gemeinsame Mensehenloos mahnt. Die griechische Plastik ist hier beim 
entschiedenen Realismus angelangt und giebt in meisterhafter Bestimmtheit 
die Gestalt als die eines Barbaren zu erkennen. Der Körper ist nicht der 
edel gebaute, harmonisch durchgebildete eines Griechen, sondern der 
unter rauhem nordischen Himmel geborne eines Galliers; dafür zeugt die 
herbe Scharfe des Gliedergefuges, die derbe, selbst sehwielige Textur der 
Haut, der unzweifelhafte Racentypus des Kopfes sammt dem in festen 
Büscheln struppig abstehenden und bis in den breiten Nacken hinab- 
wachsenden Haare; dafür endlich der gewundene Halsring (torques), ein 
Schmuck, der häufig in keltischen Gräbern gefunden wird. Man muss das 
Trockne, Wettergehärtete der Haut, die kleinen lederartigen Falten an 
den Gelenken, die harte Hand und die sehwieligen Fusssohlen genau 
beobachten, um sich zu überzeugen, mit welcher Kraft realistischer Indi- 
vidualisirung der Künstler hier verfahren ist. Dieser Realismus steht aber 
im Dienst einer geschichtlichen Auffassung, die uns eine ergreifende Einzel- 
seene aus den Gallierschlaehten verführt. 
Von derselben Herkunft scheint die Gruppe der Villa Ludovisi zu 
Rom, welche unter dem irrigen Namen „Arria und Paetus" bekannt ist. 
(Fig. 89.) Gleiche Ausführung in demselben lllarlnor, ja sogar die ähnliche 
Behandlung der Basis, und mehr noch die Uebereinstimmung des geistigen 
Gehaltes weisen ihr diesen Platz an. Es ist eine andere Scene aus jenen 
(lallierkämpfen, aber erfüllt von einer lei(lensehaftlieheren Bewegung, 
einem machtigeren Pathos. Die Feinde sind offenbar ganz nahe, die (iefahr
        

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