Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1637297
Einleit: 
Dennoch sucht sie bald auf dem verlernen Gebiet ein bescheidenes 13x10  
Plätzchen wieder zu gevsinnen. Sie kann es nur erreichen, indem sie auf 
ihre eigentlichsten Aufgaben verzichtet. So fügt sie sich denn dem neuen  
Geiste, löscht die Erinnerung an die vollendete Schönheit menschlicher 
Form aus dem Gedachtniss und schreibt die geistige Bedeutung 
des Individuums, den Ausdruck der freigewordenen, erlösten  
Seele in ihr Programm. Es ist die selbstverleugnende Dcmuth, welche 
das Christenthum von Allen, auch [von der Plastik verlangt. Und diese 
Thatl der lüntsagung belohnt sich; sie bringt der Bildnerci ein zweites" 
Leben, neue nie geahntc Früchte. Im Kampfe mit der Ungunst der Zeiten 
und der geistigen Anschauung, in noch gefährlichercin W etteifer mit der 
begünstigten, glänzend erblühten Sclnvester, der hIalerci, erstarkt sie all- 
mählich zu erfolgreicher Thätigkeit. Treu und geduldig strebt sie, in 
ihrem so viel ungünstigeren Materiale das Geistige, das Individuelle, das 
Seelenleben zu gestalten. Mit energischer Hand gräbt sie dem hlarinor, 
prägt sie dem Erz die volle Schärfe charakteristischen Sondcrwescns ein, 
wie die neue Weltordnung  hervortrcibt, unendlich mannichfatch und 
wechselnd. Sie überwindet selbst ihre atngcborne Scheu vor dem Un-  
schönen und weiss sogar dem IIässlichen (lurch entschlossene Bchandlmig 
den Stempel des geistig Berleutenden, persönlich Anziehcndcn zu geben. 
Es kann nicht fehlen, dass sie auf dieser schmalen Bahn manchmal die Qglrggiiril-[Jigs 
Grenzen überschreitet, dass sie, in dem nothgedrungencn NVetteifer mit 
der Malerei, in das Gebiet der Schwestcrkunst übergreift und mehr mit  ' 
malerischen als mit plastischen Mitteln zu wirken sucht. Es giebt Epochen, 
wo eine völlige Verkennung ihrer Grenzen sie zu äussersten Ausschrei-   
tungen verleitet; wo sie in wilder Anarchie mit dem Meissel malt und dem 
geduldigen Steine die Ausgebmten einer unplastisch gewordenen Phantasie   
aufzwingt. Man wird sie mehr bedauern als verklagen. Aus ihrer _Heiniath  
verbannt, mag sie nm' mühsam sich der alten Gesetze erinnerniii einer   
Welt, welche die alten Götter nicht meln- kennt und in neuen Lebensformen 
und Gestaltungen ihr Genügen findet.  
Dennoch gewinnt auch nach solchen Verirrungen, nach solchen Erneuerung" 
krankhaften Fieberträumen die Plastik durch strenge Zucht die Gesund- im Plastik. 
heit wieder. Sie besinnt sich der alten Gesetze, die einstmals ihre Richt- 
schnur waren. Die schönhciterfüllten Gestalten "der griechischenGöttcr  
werden wieder an's Tageslicht gezogen, "ein Gegenstand der Bewunderung,   
der Verehnuig, des Studimns. Aus ihnen strömt der Bildnerci Gesundheit 
und Klarheit zu, und indem sie ihren ileuen Werken einen Abglanz jener 
ewigen Schönheit verleiht, indem sie der scharf ausgcpritgtcn Form des 
charakteristisch Besonderen den Hauch des Idealen, Unvergänglichen
        

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