Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1639276
Zweites Kapitel. 
Die griechische Plastik. 
Geschichtliche Entwicklung. 
203 
behandelt, welehe verniuthlieh die Anregung zur plastischen Ausprägung 
gab. Bekanntlich erzählt die Sage, Laokoon habe gerade im Begriff 
gestanden, dem Poseidon ein Opfer (larzubringen, als von der Insel 
Tenedos zwei ungeheure Schlangen, von Apollo gesandt, durch's Meer 
heraneilten und den Priester sammt seinen beiden ihm als Dpferknaben 
dienenden Söhnen tödteten. Diese Katastrophe entschied den Untergang 
Troja's. Denn da Laokoon sich der Aufnahme des von den Griechen 
zurüekgclassenen Pferdes widersetzt und die Trojaner vor Unheil gewarnt 
hatte, so hielt man sein furchtbares Geschick für ein Gottesurtheil und 
riss eine Bresche in die Stadtmauer, um das Ross hineinzuführen. Wäre 
Laokoon wegen seines Patriotismus von den Göttern bestraft werden, 
so würde der Stoff ein unsittlicher zu nennen sein; anders verhalt es sich 
dagegen, da er wegen eines früher begangenen Frcvels in einem Momente 
gestraft wird, wo sein Untergang zugleich den Fall seiner Vaterstadt nach 
sich zieht; denn nun wird die Katastrophe eine in eminenterm Sinne 
tragische. 
Der Bildhauer hat den Vorgang auf der Spitze der Entscheidung 
erfasst und aus drei aufeinandertblgenden Momenten der Handlung mit 
stauncnswcrther Kunst eine einheitliche, innig zusammenliäingende Gruppe 
gebildet. Die jahc Gewalt des hercinbreclientlcii llnhcils ist mit einer 
Lebendigkeit geschildert, die an die äiusscrsten Grenzen des Plastischen 
geht, ja in's Malerische beträchtlich hinüber-greift. An den Stufen des 
Altars, die der Gruppe als Basis dienen, hat das Verderben den Vater 
und die beiden Söhne mit einem Schlage ereilt. Die herrliche Gestalt des 
Vaters ist auf dem Altare zusammengebrochen, denn eben hat ihm die 
eine Schlange einen wüthentlen Biss in die Seite versetzt, der tödtlich sein 
muss, so krampfhaft zuckt Laokoon zusammen und stösst mit zurück- 
geworfenem Kopfe aus halbgeötliietem Munde ein sehmerzvolles Stöhnen 
aus. Sein Leib zieht sich convulsivisch zusammen, und die vorgedrängte 
Brust schwillt vom Ucbermasse des Jannners; die rechte Hand (unriclng 
restaurirt, aber auf unsrer Abbildung richtig ergänzt) greift im über- 
wältigenden 'l'odessch1nerz nach dem Hinterkopfe, xiväihrentl die Linke nur 
noch mechanisch ohne Erfolg die Schlange zu entfernen sucht. In den 
physischen Schmerz, der den Gesichtsausdruck beherrscht, mag sich auch 
Seelenweh mischen, denn einen Moment vorher ist der jüngere Sohn 
bereits dem Bisse der andern Schlange erlegen, und wir sehen den zarten 
jugendlichen Körper sich winden und in 'l'odeszuckungen hinsinkcn. Der 
ältere Sohn wird eben erst am rechten Arm und am linken Fusse von der 
Schlange umringelt, die er mit der frcigebliebenen Hand zu beseitigen 
sucht. Vergebens, denn der Todesschrei des Vaters lenkt seine Aufmerk-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.