Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1639217
Zweites Kapitel. 
Die griech 
ische Plastik. 
Geschichtliche Entwicklung. 
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wie Sehnaasc sagt," beweist dies bedeutende Werk, wie die Griechen auch 
solche Gegenstände eines niederen sinnlichen Lebens zu adeln vermochten. 
Zu grosscr Bedeutung erhob sich denn auch in dieser Zeit die 
Portraitbildnerei. Wenn die griechische Plastik in ihrer höchsten 
Entfalhmg, als sie die Ideen der gesammten Nation gestaltete, die charak- 
teristischen Züge individuellen Lebens ausgeschlossen hatte, so nahm sie 
in einer Epoche, welche dem subjektiven Empfinden ein entschiedenes 
Uebergewicht einräumte, auch die Bildnissdarstellung mehr und mehr in 
ihren Kreis auf. Aber so viel blieb ihr immer von jenem hellenischen 
Schönheitsgefühl eigen, dass sie auch diese Gestalten mit der Kraft idealer 
Anschauung auffasste und ihre Formen mit dem Hauch einer edlen Anmuth 
erfüllte. Das Wesentliche, geistig Bedeutsame wird der Mittelpunkt, von 
wo aus die ganze Erscheinung ihr eigenthümliehes Leben empfangt. Alles 
Zufällige, Kleinliche wird unterdrückt, die Gewandung nur zindeutuilgs- 
weise und idealisirt gegeben und selbst das Unschöne durch geistreiche 
und lehensvolle Auffassung mit dem Stempel des Bedeutenden geadelt. 
In den besten, noch acht griechischen Nachbildungen, die auf uns gekom- 
men sind, klingt vernclnnlicli diese grosse, vornehme Behandlung an und 
unterscheidet solche Arbeiten bestimmt von den schärfer realistisch aufge- 
fassten römischen Bildnissen. Zu den vorzüglichsten solcher Statuen ge- 
hören der Sophokles des L ateran s, das Muster eines vollendet durch- 
gebildeten, schönen und geistvollen Hellenen ; der Aesehines des Museums 
zu Neapel (früher Aristides genannt), jenem nicht an Schönheit, wohl 
aber an Kraft und 'I'ie-fe der Charakteristik gleich kommend; ferner die 
beiden sitzenden Statuen des Menander und Poseidipp im Vatican, treff- 
lich in der leichten und freien Haltung, wie sie bei modernen sitzenden 
Gestalten nicht hauüg gefunden wird. Ebenso der Aristoteles des Palastes 
Spada zu Rein, der sprechend lebendige Anakreon der Villa Borghese 
daselbst, endlich im Vatican noch die schlichte Heldengestalt des Phokion 
und deixseharf ausgeprägte, fast herbe Demosthenes.  
So sehen wir die Kunst in dieser Epoche die idealen Gestalten in's 
Anmuthigc, Milde hinüberziehen, daneben aber mit einer besonders liebe- 
volleirIIingabe, sieh dem ganzen Kreise der Wirklichkeit zuwenden und 
in Portraits, Genrebildern, Thierdarstellungen einer lcbensvollen WVahrheit 
nachstreben. Alexander der Grosse bezeichnet, wie im griechischen Leben 
so in der Kunst, einen Wendepunkt. Wie er der erste Herrscher war, 
dessen Kopf statt der Götterbilder auf die Münzen geprägt wurde, so war 
er auch der Erste, dessen Gestalt in's Göttliche übertragen wurde. Damit 
ist die streng griechische Anschauung ausgelöscht und der vergötterte 
Mensch an die Stelle des vermenschlieliten Gottes getreten. 
Bildr 
Sfnh
        

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