Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1639154
Zweites Kapitel. 
Die griech 
ischc Plastik. 
Geschichtliche lintwvicklul 
191 
An seinem berühmten Apoxyomenos, von dem wahrscheinlich eine treffliehe, 
18-16 in Rom aufgefundene lllarinorkopie, jetzt im Braccio nuovo des 
Vatieans uns eine Anschauung giebt, trat dies Leichte, Feine, noch 
gehoben (lureh den leisen Schwung und Rhythmus der Bewegung, ohne 
Zweifel lebendig hervor. Der intelligente, dabei jugendlich schöne Kopf 
mit dem frei und tliessend behandelten IIaar, der schlanke, knappe Wuchs 
des athletisch (lurehgirbildeten Körpers, die elastische Bewegung der fein 
gefügten Glieder, das Alles giebt uns an dieser schönen Statue den Ein- 
druck jener Eleganz, die man an Lysippos" Gestalten rühmte. Das 
Original, welches Ägrippa vor seinen Thermen, also in der Gegend des 
heutigen Pantheon aufgestellt hatte, war in Rom so belicbtsdass, als 
Tiberius es in seinen Palast zu versetzen wagte, er dem Unwillen des 
Xiolkes nachgeben musste und es wieder an seine Stelle bringen liess. 
Endlich haben wir ein Werk des niedern Genres, eine betrunkene 
Flötenspielerin, und vielfache Thierdarstellungen, Hunde und eine Jagd, 
einen gefallenen Löwen, Viergespanne verschiedener Art anzuführen. Als 
besonders lebendig wird ein tmgezäulntes Pferd gerühmt, das mit ge- 
spitzten Uhren dastand und einen Vordcrfuss hob, also in momenta- 
11er Erregung (largestellt war. Fassen wir Alles zusammen, so erhellt, 
(lass Lysippos die lebensvolle Naturwahrheit der altern pcloponnesisehen 
Kunst weiter fortgebildet und dieselbe zur eharakteristisclieii Darstellung 
des Individuellen (intwickelt- hat. 
Eine HICYlOYllPÖlgG Verirrung des Naturalismus in nüchternen Realis- 
mus tritt uns in des Lysippos Bruder Lysislralos entgegen. Wir kennen 
zwar von ihm nur eine weibliche Portraitstatue, aber durch Plinius erfahren 
wir von sehr bezeichnenden Neuerungen, die er in die Kunst eingeführt. 
Denn er zuerst soll darauf verfallen sein, (lipsabgüsse nach dem lebenden 
illodell zu machen, diese in Wlaehs auszugiessen und die so erhaltene 
Form zu 1'ct0uel1i1'en.' Dass die auf solche Art entstandenen Werke bis 
in's tleringfiigigstc jede Einzclnheit der Natur Wiedergaben, bedarf nicht 
erst der  ebenso klar ist aber, dass dies kleinliche Streben 
nach blosser Achnliehkeit, oder vielmehr nach realistischer Congruenz der 
Formen eine Verirrung war, welche vom Ziele der Kunst abführen musste. 
 Ein Jirzkopf, der im Apollotcinpel zu Kyrenc gefunden, neuerdings 
nach London in's Britische Museum gelangt ist, scheint für die Richtung 
des Lysistratos bezeichnend.  Die trockne Behandlung der Formen, die 
scharfe Detailausftihrung des geringclten, lockigen Haares und des kurzen 
Barttlaumes am Kinn und über der Oberlippe, vor allein aber die Angabe 
jedes einzelnen Harchens der Augenwvimpern mittelst kleiner Punkte, wie 
es sonst an keinem antiken Werke gefunden wird, deutet (larauf, dass 
Genrebild 
und Anderes 
Lysistratos.
        

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