Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1638892
Zweites Kapitel. 
Die griechische Plastik. 
Geschichtliche Entwicklung. 
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schreitend mit dem rechten Fusse nur noch eben an der Spitze den 
Boden. Dieselbe elastisch bewegte Stellung hat eine herrliche Marmor- 
statue des Britischen Museums, von edelster griechischer Arbeit, die 
jedoch beide Arme, den rechten Fuss und den Kopf verloren hat. 
Dagegen zeigt der bei Centoeelle gefundene Erostorso des Vatlcail 
(Fig. 70) in dem anmuthigen, zart geneigten, von süss traumerlsclier 
Stimmung leise umllorten Kopfe jenen Ausdruck schwärmerischer Em- 
ptindung, in welcher dem Knaben beim [lebergangc zum Jünglingsalter 
die erste Ahnung der Liebe aufdammert. 
Auch Dionysos scheint durch Praxiteles eine neue Gestalt erhalten 
zu haben, die wir uns ohne Zweifel als die des jugendlichen, begeister- 
ten Gottes denken müssen. Eins dieser Bilder sah man in einem Tempel 
zu Elis; ein anderes, in einem Haine aufgestelltes, wird geschildert als 
jugendlich weiche, epheubekränzte, mit dem Rehfell umgürtete, die Linke 
auf den Thyrsos stützende Gestalt. Ein dritter war mit dem Satyr 
Staphylos und Methe zu einer Gruppe verbunden. Sodann hatte er einen 
Satyr selbständig dargestellt als Knaben, der den Becher darreicht. 
Dieser stand in der Dreifussstrasse zu Athen und ist wohl derselbe, der 
"periboetos" genannt und vom Meister selbst als sein vollendetstes Werk 
bezeichnet wurde. Ein anderer Satyr, im Dionysostempel zu Megara, 
wird uns wahrscheinlich durch eine treffliehe Marmornaclibiltlung im 
Capitol zu Rom vergegenwärtigt. Der jugendlich weiche, schlanke 
Körper stützt sich mit dem rechten Arme, der die Flöte hält, auf einen 
Baumstamm, während der linke Arm nachlässig in die Seite gestemmt 
ist. So drückt die ganze Haltung jene weiche Selbstvergessenheit aus, 
die uns in der Waldeinsamkeit, am rieselnden Bache beschleicht, und 
dazu stimmt vortrefflich das offene Gesicht, in welchem die thierisehe 
Bildung aufs Glücklichste in heitre naive Schalkheit der Jugend umge- 
wandelt ist und nur in den Ohren deutlicher anklingt. 
Dieselbe jugendliche Anmuth, dieselbe weiche Geschmeidigkeit zeigte 
auch die Erzstatue eines Apollo, der als Sauroktonos (Eidechsentödter) 
mit dem Pfeile einem dieser zierlichen zu ihm heranlaufentlen Thicrchen 
auflaueirte. Da wir mehrere Nachbildungen dieses Werkes in Marmor 
und Erz besitzen (Fig. 71), so vermögen wir uns von demselben eine 
ziemlich genaue Vorstellung zu machen. Der noch ganz jugendliche 
Gott lehnt mit dem linken Arme vorgebeugt an einem Baumstamme, an 
welchem man die Eidechse hinauflarlfen sieht; die rechte, ungeschickt 
restaurirte Hand müsste den Pfeil halten. Hier hat der Künstler von 
dem Umstande, dass die Eidechse als Weissagethiei- zum Gotte der 
Weissavgung in einer Kultusbeziehung steht, zu einer bloss spielenden 
Diouysns- 
Statuen. 
Apollo Sau 
rnktonos.
        

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