Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1638778
Zweites Kapitel. 
Die griechische Plastik. 
Geschichtliche Entwicklung. 
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an den llzraren zu Boden gerissen, dort wird eine andere an den Beinen 
gepackt und VQm Pferde gestürzt, ja ein Kentaui- beisst mit letzter Kraft 
den Krieger, der ihm den Todesstoss giebt, wüthend in die Schulter. 
Alle diese Motive sind von einer Kunst erfunden, welche um manche 
Stufen dem Realismus naher gerückt ist, der in der Wahl der Mittel, um 
zu wirken, nicht zu bedenklich verfahrt. Aber die Wirkung ist erreicht; 
die Scenen ergreifen mit fast erschütternder Wahrheit, und jeder 
Schritt zeigt uns, dass wir es mit einem durchaus selbständigen, kühnen 
künstlerischen Feuergeiste zu thun haben. 
Ist die Erfindung von unvergleichlicher Energie, so erweist dagegen 
die Ausführung sich als tmgleich, nicht frei von Verstössen gegen Rich- 
tigkeit und Schönheit, zum Theil etwas flüchtig dekorativ, zum Theil 
etwas handwerklich. Zwar ist das Nackte meistens trefflich behandelt, 
wenngleich etwas derb in überaus starkem Relief; doch sind häufig die 
Hände gar zu gross und schwer, die Unterschenkel zu kurz und die Ober- 
schenkel zu lang,  dieses vielleicht zu Girnsten der perspektivischen 
Verkürzung, da man die Friese in ziemlich engem Raume hoch über sich 
sah. Dazu kommt, dass viele Bewegungen schroff, heftig und übertrieben 
sind, was freilich mit ihrer ungeheuren Lebendigkeit innig zusammen- 
hängt. Die weiblichen Gestalten erscheinen besonders derb, sogar etwas 
plump und schwerfallig; die Anmuth liegt unsrem Künstler viel ferner, 
als die Kraft, und selbst die Amazonenanmuth besteht ihm nur in den ge- 
drungenen Formen eines kampfgestählten Körpers. Am schwächsten ist 
die Behandlung der Gewänder. Sie sind in grossen Massen, bauschig, 
iiatternd, vielfach geknittert, oder auch in unschöner, wenngleich für die 
Heftigkeit des Kampfes bezeichnender Weise straff angezogen dargestellt. 
Hier fehlen Einfachheit und Klarheit; das Streben nach bestimmten Effekten 
hat den Künstler zu conventionellen Manieren verleitet; aussertlem ist be- 
hufs besserer Raumfüllung schon ein Missbrauch mit flatternden Gewan- 
dern und ltlänteln getrieben. Dennoch darf man nicht unterlassen zu 
bemerken, dass wegen des geringen Reliefs, in welchem solche Zuthaten 
ausgeführt sind, die Haupttheile der Composition, die kritftig vorsprin- 
genden Körper der Kampfenden doch immer klar und wirksam genug 
hervortreten. 
Ausfiiln 
Dass ideale Gestalten die schwächere Seite dieses Künstlers bilden, 
erkennt man aus den Figuren von Apollo und Artemis, die in keiner 
Weise an Adel und Hoheit die übrigen Gestalten überragen. Ob das 
kolossale Akrolithbild des Gottes darin höher gestanden habe, lasst sich 
nicht mehr entscheiden. Die noch vorhandene marmorne Hand und der 
Fuss zeigen, namentlich der letztere, eine vorzüglich feine, weiche Be- 
Die idealen 
Gestalten.
        

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