Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1638718
Zweites Kapitol. 
Die griechische Plastik. 
Geschichtliche Entwicklung. 
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Würfeln spielten, wegen ihrer hohen Vollendung von Manchen für das 
vorzügliehste Werk des Alterthumsi gehalten; endlich zwei Kanephoren 
und die Amazone zu Ephesus, mit welcher er den Phidias und andere 
Meister besiegt haben soll. 
Soviel erkennen wir aus dieser Ucbersieht, dass Kraft, Geschmeidig- 
keit und Gelenkigkeit vorzüglich den Werth solcher Polykletischer Werke 
ausgemacht haben. S0 sehr aber lag ihm an der Lebenswahrlreit der 
Formen, der Richtigkeit und Harmonie der Verhältnisse, dass cr ein Buch 
über die Proportionen des menschlichen Körpers abfasste und eine Statue 
schuf, WOlCilC man den "Kanon" nannte, weil er in ihr die normale 
Schönheit eines vollendet durchgebildeten jugendlichen Körpers dargestellt 
hatte. Für die gediegene, sorgfältige, in allen Theilen vollkommene Aus- 
führung war es von Wichtigkeit, dass er fast aussehliesslieh seine Werke 
in Erz bildete. Wollte er aber die elastische Leichtigkeit beweglicher 
Jugend zur sprechenden Erscheinung bringen, so war dafür nicht minder 
wesentlich, dass er, wie berichtet wird, der Erste war, der die Gestalten 
ganz auf einem Beine ruhen und das andere, leicht gehoben, mehr in spie- 
lender, freier Bewegung sieh (larstellcn licss. Wenngleich die entwickelte 
attische Kunst ähnliche Gestalten bereits aufweist, so besteht Polyklets 
Fortschritt darin, dass er diese Art einer anmuthig bewegten Stellung 
zum Prinzip seiner Darstellungen machte und (ladurch den Gestalten die 
höchste Leichtigkeit und Elastizität der Erscheinung gab. 
Obwohl nach dem Zeugniss der Alten Polyklet nicht gerade in 
Götterdarstellungen, wohl aber in Mcnsehenbildern trefflich war und 
darin das XVürdige, Ehrbare zu schönem Ausdruck brachte, schuf er in 
seinen späteren Lebensjahren doch eine Idealgestalt, welche für die 
folgende Zeit eine typische Bedeutung erlangt hat. Dies ist das kolossale 
Goldelfenbeinbild der Hera für den nach einem Brande des Jahres 423 
wieder aufgebauten Tempel der Göttin in Arges. Sie sass auf einem 
Throne, die Stirn mit dem Diadem gekrönt, auf welchem die Charitcn und 
Horen in Reliefs angebracht waren. In der einen Hand hielt sie das 
Scepter, in der andern den Granatapfel; den Thron umrankte eine Rebe, 
und ihre Füsse ruhten auf einem Löwcnfell. Von dem majestätischen Ein- 
druck des Werkes zeugt eine Nachbildung aus späterer Zeit, der kolossale 
Marmorkopf der IIera in Villa Ludovisi zu Rom (Fig. 62), ein Werk, 
das im grossartigen Formcharakter die unnahbar-e Hoheit einer Gemahlin 
des Allherrschei-s Zeus mit weiblicher Anmuth und fraulicher Würde paart. 
Die strenge, gebietende Stirn wird zu huldvoller Liebliehkeit gemildert 
(lureh das weiche, loekige Haar; auf den sanft gerundeten Wailgen blüht 
unvergänglielie Jugendsehönheit, und der mächtige Bau der Nase, des 
Kunsigxwist 
Polyklots. 
llcrabilrl z: 
Argos.
        

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