Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1638609
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Zweites Buch. 
scher der Meeriluth! Welche jugendliche Schönheit und Kraft spricht sich 
in den Formen des bequem hingelagerten Theseus aus, der in ganzer 
Herrlichkeit bis auf die Hände, die Füsse und die Nase erhalten ist! Wie 
grossartig und lebensvoll, wenn auch ungleich mehr zerstört, ist der 
Körper des Ilissus, der ebenfalls ruhig gelagert ist, aber in unvergleich- 
licher Wahrheit der Bewegung auf den linken Arm gestützt, den Ober- 
körper emporhebt, um auszusprechen, dass kein Theil des attisehcn Lan- 
des unbewegt bleibt bei dem wichtigen Ereigniss; ja wie gewaltig ist selbst 
llelies charakterisirt, von dem der Künstler nur den nervigen Arm und 
den aus den Fluthen auftauchenden Kopf geben konnte, wenig und doch 
vollkommen genügend, um die göttliche Kraft zu zeigen, welche die 
feurigen Sonnenrosse zu bändigen vermag. Und wie prächtig sind end- 
lieh die Köpfe dieser Rossc selbst, die feurig, lebensprühend aus den 
Wogen auftauchen und deren muthiges Schnauben aus den weit geöffneten 
Nüstern man zu hören glaubt. Ebenso herrlich ist der gleichfalls erhaltene 
Kopf des einen Rosses der Nacht, der gleich jener die tiefste anatomische 
Kenntniss mit der kühnsten und freiestcn Formbehandlung paart. Nicht 
minder wahr ist in den bekleideten weiblichen Figuren das Leben und 
die Bewegung der Formen durch das reichste und anmuthigste Spiel der 
Gewänder nur um so reizender ausgedrückt, am vollkonnnensten vielleicht 
in den Gestalten der Aglauros und Herse, deren grossartige Schön- 
heit durch den Fluss der feingefalteten Gewänder liindurchleuchtet. 
Ebenso vortrefflich ist die neben ihnen sitzende Gestalt der Pandrosos, 
die an Hiessender, zierlicher Behandlung des Gewandes und der weichen 
jugendlich blühenden Körperformen den beiden Schwestern gleich- 
kommt. Aber auch die beiden sitzenden attisehen Horen auf der andern 
Seite desselben Giebelfeldes sind von derselben Schönheit, nur dass die 
ebenfalls sehr reichen Gewänder etwas einfacher, nicht ganz so zierlich 
fein ausgearbeitet sind, wie jene. Auch bemerkt man, dass an ihnen, 
sowie an der heraneilenden Iris die Rückseiten um einen Grad flüchtiger 
behandelt sind, als die Vorderseiten, während sonst alle diese Statuen, 
selbst in den Theilen, die "gar nicht für die Anschauung bestimmt waren, 
mit derselben sich stets gleiehbleibenden, nirgends ermattenden künstle- 
rischen Vollendung durchgeführt sind. 
Ueberhaupt hat sieh nie wieder die sorgfaltigste Zierlichkeit der 
Ausführung mit höchster Einfachheit einer erhabenen Formensprache so 
vereinigt, wie hier. Das erkennt man selbst an dem kleinen Bruchstüek 
der Athene vom westlichen Giebel, von welcher nichts als die rechte 
Hälfte der Brust und der Ansatz des dazu gehörigen Armes erhalten 
ist: genug, um die göttliche Erhabenheit der ganzen Gestalt zu ah-
        

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