Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1638305
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Zweites; Buch. 
Archaisti- 
schc Reliefs. 
unterscheiden, welche anscheinend demselben Style angehören, in Wahr- 
heit abe1' als Produkte einer späteren Alterthuinsliebliaberei jenen alten 
Arbeiten in einem alterthümelnden (arehaistischen) Style nachgeahmt 
wurden. Man gab den Köpfen jenen läehehltlcn Ausdruck, dem Haar die 
steifen Löckchen, den Gewitndern die zierlichen Parallelfalten, vermochte 
jedoch sich der volleren, ausgebildetercn Formen einer erltwieltelten Kunst 
nicht zu entschlagen, die mit jener angenommenen Befangtuilieit fühlbar 
contrastiren. Während daher bei den wirklich alten Werken durch alle 
Strenge und lmospcnartige Versehlössenheit eine treuherzigc Empfindung 
hervorschiminert, vermögen die naehgeahmten es nur zu affectirter Zier- 
lichkeit ohne alle Warme des Gefühls zu bringen. Solcher Art ist der mar- 
merne Athenetorso im Museum zu Dresden (Fig 41), bei welchem die 
zehn im lebendigsten Reliefstyl durchgeführten Kampfscenen am vorderen 
Streifen des Pcplos aufs Unzweideutigste die spätere Entstehung bezeu- 
gen.  Hierher gehört ferner die mit grossem Fleiss durehgearbeitete 
schreitende Artemis, eine unfern 'I'orre dcl Grcco gefundene lllarnlorstatue 
des Museums zu Neapel. (Fig, 42.) Die reiche Gewandimg zeigt an 
ihren Saumen vielfache Farbenspuren, die auch an den Sandalen, dem 
Köcher und der Kopfbinde mit ihren zierlichen Rosetten sich finden. 
Ebenso hat auch das Haar Spuren von Vergoldung.  Verwandter Art 
ist auch eine weibliche lllarlnorstatue der Glyptothck zu lliüilchcn, 
angeblich eine Spes, deren zierlich gefaltclter Chiton und Peplos 
nicht im Einklange steht mit der weichen, vollen Formbehzindlung des 
Kopfes. 
Ieläiutiger finden sich Reliefdarstellungen archaistisehcn Styles, die an 
Altiiren, Untersatzen zu Dreifüssen, Brunncnötfnungcn, Kandelaberfüssen 
und zu andern Zwecken mehrfach angeivztndt wurden. Solcher Art ist der 
berühmte Altar der Zwölfgöttcr, ehemals in der Villa Borghese, jetzt im 
Louvre zu Paris von dem wir die untere Darstellung einer Seite, drei 
schreitende Chariten, beifügen (Fig. 43). Ferner die marmorne Dreifuss- 
basis im Museum zu Dresden, welche den Raub des delphischen Drei- 
fusses durch IIeralzles (Fig. 44), die Wiedcrweihung desselben und eine 
andre minder (leutliche Scene enthält. In dem affektirten überzierlichen 
Schreiten auf den Zehen und in dem feinen Verständniss der Körperformen 
verräth sich die nachbildendc Hand eines späten Künstlers. Alle diese 
Werke, deren man in den verschiedenen Museen eine ziemliche Anzahl 
findet, verhalten sich zu den Schöpfungen der wirklich alten Kunst, wie in 
unserer Zeit die forcirte Nachahmung der befangenen Werke mittelalter- 
licher Kunst zu ihren Vorbildern.
        

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