Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1638261
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Zvvroites Buch. 
lassen, die freilich durch die Ilaupttigui- der als Beschützerin einschrei- 
tenden Göttin in's Gleichgewicht gesetzt wird. Innerhalb dieser festen 
architektonischen Vertheilung hat jede Gestalt, mit Ausnahme der Athena, 
welche alterthümlieh befangen und steif erscheint, eine Freiheit in Be- 
wegungen und Stellungen, die zwar nicht ohne eine gewisse bemerkbar-e 
Rücksicht auf ihre Stellung zum Ganzen sich entfaltet, aber dennoch eine 
bewimdernswürdige Kenntniss des menschlichen Körpers bekundet. Je 
mehr man aber bei der Betrachtung in's Einzelne (lringt, desto höher 
steigt der Begriff von der künstlerischen Bedeutung des Meisters dieser 
Gruppen. Die nicht ganz lebensgrossen "Gestalten sind mit unübertretif- 
licher anatomischer Genauigkeit und Richtigkeit durchgeführt, und zwar 
in einem Style, der das Leben der Muskeln, das Anschwellen der Adern, 
die organische Verbindung; der Glieder deutlich und scharf angiebt, dieUin- 
risse in höchster Bestimmtheit und Feinheit zeichnet, die männliche Kraft 
eines athletisch (lurehgebildeten Körpers in jeder Linie (larlegt. Wir haben 
es mit einem in sich vollendeten Naturalismus zu thun, der sein Gebiet mit 
Meisterschaft beherrscht, seine 'I'eehnik zu hoher Vollendung entwickelt 
hat, aber freilich nicht zu idealem Schwinige sich erhebt. Dennoch fehlt 
es auch hier nicht an jenem Idealismus, ohne welchen keine hellenische 
Kunst zu denken; denn abgesehen von dem idealen Gegenstande ist selbst 
die Nacktheit der meisten Körper eine bewusste, ächt künstlerische Ab- 
weichung von nüchterner Wirklichkeit. 
So hoch aber der äginctische Künstler in der Ihn-chbildung der 
natürlichen Form steht, so trctflich ihm jede Aeusserung der Körperkraft" 
gelingt, so wenig vermag er geistige Itegnngen (lurch wechselnden Ans- 
druek des Kopfes zu bezeichnen, Die Köpfe seiner Kämpfer haben 
sämmtlich (lcnselben starren lächelnden Zug, der den alten (iötterbildern 
gemeinsam ist und auch in seiner Athena sich wiedcrtindet. Daher fehlt 
es den Gestalten an jener höchsten geistigen Lebendigkeit, welche nur da 
empfunden wird, wo jede Bewegung von dem sie begleitenden Ausdruck 
des Angesichtes ihre lürlclitrung, ihren seelischen lletlex empfängt. Die 
Augen sind gross, mit stark vertretenden Rändern; die Nasenlinie ist 
vorspringend, die Lippen sind s(wl1a1'f' bezeichnet, das Kinn kräftig aus- 
ladend, die Ilaare (endlich, so weit sie nicht ein Helm bedeckt, in ldeinen 
Löckchen und laarallelen Streifen noch ganz conxßcntionell behandelt. 
Noch sind die zahlreichen Spuren von niehitarbiger Bemalung und Mc- 
tallschlnuck zu erwähnen, welche sammt-liehe Gestalten zeigen. Die 
Körper selbst zwar sind, mit Ausnahme der Haare, Augen und der 
Lippen, ohne alle lilärbmig gewesen; wohl aber haben die Waffen, die 
Helme, Schilde und Köcher theils rothe, theils blaue Farbe; bemalt
        

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