Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über den Ursprung und die Bedeutung der Doppelchöre
Person:
Holtzinger, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1620096
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1620292
Einleitung. 
Ein anderer Fehler, dem wir in den Erklärungen der Doppelchöre bis- 
weilen begegnen, ist die Nichtbeachtung des Unterschiedes zwischen dem 
Motiv zur Anlage derselben und der Bestimmung, die man manchmal später 
dem zweiten Chor gab. Auf diesem Irrthum basirt der Erklärungsverstich 
von Kreuser. l) Als dieser bei einigen Westchören der Bezeichnung "Pfarrchor" 
begegnete, glaubte er darin den Schlüssel zur Erklärung aller ähnlichen An- 
lagen zu besitzen. Allein die Bezeichnung "Pfarrchor" findet sich weder in 
den ältesten doppelchörigen Bauten, noch dulden alle späteren eine Anwendung 
derfielbell- Aehnlich folgerte in übereilter Weise Schmid 2) aus dem alten 
Verbot, dass ein Priester an einem Altar Messe lese, an welchem an demselben 
Tage schon ein Bischof celebrirt, den Grund zur Errichtung eines zweiten 
Hochaltars gegenüber dem bestehenden Chor der Kirche, „da doch besonders 
in Kathedralkirchen gewiss öfters nach der Celebration des Bischofs noch ein 
anderer feierlicher Gottesdienst gehalten werden sollte." 
Wir schliessen unsere einleitenden Bemerkungen mit der Erwähnung einer 
einschlägigen Schrift von Kratz. 3) Nach ausführlicher Widerlegung einiger 
bisher gangbarer Erklärungen bringt der Verfasser eine neue Deutung auf 
Grund einer im Archiv des Michaelklosters zu Hildesheim gefundenen Notiz, 
aber Seine Folgerungen erscheinen uns nach zwei Seiten anfechtbar. Es war 
nach Kratz der Westchor der Michaelskirche für die Abend- und Nachtandachten 
bestimmt, da es in einer Urkunde Abt Hermanns I. von 1484 über eine 
Schenkung einer gewissen Margarethe Ziunpelmann heisst, dass eine bestimmte 
Summe Geldes verwandt werden solle zur Unterhaltung einer Lampe, wenn 
die zwölf Lectionen in dem Chor vor dem Altar des heil. Livinius, d. h. im 
Westchor, gehalten würden. Daraus kann nach unserer Ansicht für die ur- 
sprüngliche Bestimmung des Westchores, für das Motiv seiner Anlage, eben- 
soivenig etwas gefolgert werden, wie aus Kratzs zweitem Argument, dass die 
Veslßrgloßkön im westlichen Vierungsthurme hingen, wofür das älteste Doku- 
ment von 1652 datirtl Dass 1484 der Westchor zu den Abendandachteil 
benutzt wurde, beweist nichts für seine ursprüngliche Bestimmung (vgl. unten 
die nähere Besprechung dieser Kirche,  24); einen zweiten Fehler begeht 
Kratz aber durch die eilfertige Uebertragung der neu entdeckten Erklärung 
tler Doppelchöre auf alle anderen Monumente gleicher Anlage, von denen er 
übrigens nur die Godehardskirche in Hildesheim, den alten Dom zu Cöln, den 
Dom von Bremen und den Bau des Eigil zu Fulda anführt. 
Eher Vermögen wir der Schlussbemerkung von Kratz beizustimmen, wenn 
er den Grund zur westlichen Emporenanlngc in den Kirchen der Frauenklöster 
I) Krauser, Der christliche Kirchenbail. 2. Aufl. Bd. I, S. 83. 
2) Schmid, Der christliche Altar und sein Schnmck. S. 244 f. 
3) D13  M" Kratz: l1V0ZLl dienten die Doppelchöre in den alten 
Klosterkirchen? Hildesheim 1876. 
CathedraL, 
Stifts- 
und
        

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