Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1630974
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DEUTSCHLAND 
auch die sanften deutschen Märchen mit Lindenblüthen und ver- 
zauberten Königssöhnen beschäftigten ihn. Der Abendhimmel strahlt 
wie flüssiges Gold. Auf der dämmerigen Wiese steht eine Königs- 
tochter und blickt neugierig hernieder zu einem Frosch, der ein 
Krönlein auf dem Kopfe trägt: ein verwunschener Prinz. Ganz 
stilisirend ornamental im Sinne einer barocken Antike wirkten Bilder 
wie der MDUSiClICHClC OYPDCLISK, der grau in grau gemalte Samson, 
der Kopf einer Pallas Athene und die Figur eines muskelkriiftigen 
jungen Athleten, der eine Statue der Nike und einen Lorbeer in den 
Händen trug. Die nSÜHdCe ist ein üppiges YVeib mit bernstein- 
bleichem, von rabenschwarzen Locken umrahmte'n Gesicht, deren 
weiche, glänzende Augen erschreckt und doch sehnsuchtskranl; 
lächeln, während an ihrem Körper in Wollüstigem Kreisen der kalte 
Leib einer Schlange sich reibt. Er zeigt die Medusa, die mit 
schmerzxierzerrtem, erstorbenen Blick in's Leere starrt. Auf der Aus- 
stellung 1890 hatte er eine Pieta von ganz versteinerter Classicität. 
Die Leiche des Heilandes lag starr auf einem Marniorsocltel, die 
Mutter stand aufrecht, kerzengerad wie eine Bildsäule daneben, mit 
den Händen das Gesicht verhüllend. Eine tiefe Golgathasymphonie 
mit vollen coloristischen Fugen war die äKretizigunga von 1891.  
lag etwas schottisch Düsteres und venezianisch Blühendes in der 
kräftigen, herben Farbe dieser Wallendeil, schwarz-karnioisinrothen 
Priestermäntel, etwas Brutales, Herculisches in der starren Zeichnung 
der nackten Körper, etwas caricattirhaft Verzerrtes in diesen brtillenden, 
heulenden, Wuth und Entsetzen schnaubendenJuden, die ihr sKreuziget 
ihm schrieen. 
Trotz dieser grossen stofflichen Verschiedenheit geht ein einziger 
scharf ausgeprägter Zug  gleichsam ein Zug ltunstgewerblichen 
Schöpfungsvermögens  durch Stucks Bilder. Jedes Werk über- 
rascht durch seine seltszune geschmackvolle Farbeneigenart und die 
geschickte, bald an die Griechen, bald an die Japaner anklingende 
Zeichnung. Ueberall besticht er durch leichte, spielende Mache, durch 
starken Sinn für decorative Wirkung. Aber er gehört nicht zu den 
Künstlern, zu denen man seelisch Stellung nimmt. Zeichnet Rops 
einen Satan, so flammt in diesen glimmenden, unheimlich lauernden 
Augen ein düsteres Feuer. Es ist in ihnen etwas von der Schlange 
und etwas von Nero, der traumverloren in die Flammen des bren- 
nenden Rom starrt. Burne-jones fesselt durch seine süsse Wehmuth, 
Boecklin durch die geistige NVucht, mit der er durch die ganze Scala
        

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