Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1630877
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DEUTSCHLAND 
 Die wheilige Nachta war ein Flügelaltzlr. Auf dem Mittelbilde, 
das eine ärmlichc Schreinerstube darstellt, betrachtet Maria in stiller 
Verehrung das auf ihrem Schoosse liegende Kind. Links nahen 
auf steiler Gebirgsstralsse in ehrfürchtiger Scheu die Hirten; hie und 
da beleuchtet der Strahl einer Laterne die rnuhen, aus dem Dünkel 
auftauchenden Gestalten. Rechts sind die Engelein aus demfHimmel 
herabgekoniineii, keine nackten Amoretten im Sinne' der Italiener, 
sondern die abgeschiedenen unschuldigen Kindlein, in weissen Kleid- 
chen, mit Blumen im Haar. 
Uhde wirkte in allen diesen Bildern als ein hervorragender 
Maler und grosser Psycholog. Es ist wunderbar, wie in seinem 
Bilde, wLasset die Kindlein zu mir kommen ((7 das Licht leise in den 
Raum hereinrieselt, die Blondköpfe der Kinder mit goldenem Glanz 
umschmeichelt und über die Strohmatte des Bodens huscht. Die 
ganze Luft ist von Klarheit durchzittert, Alles in feine silbergrauc 
Harmonien getaucht. Eine feierliche Lichtpoesic umspielt auf dem 
Bilde der Anbetung des Kindes die Gestalten. Von draussen strömt 
der matte Schein der hellfunlaelnden Christnncht herein, im V order- 
grund wirft eine Laterne bald hier, bald dort einen röthlichen Strahl 
durch das geheimnissxrolle Dunkel. Beim vGang nach Bethlehenw 
ist lockerer Schnee gefallen, die Nacht ist über die Wanderer ge- 
kommen, der Wind spielt mit dem Blondhaai" der jungen Frau, zaust 
an ihrem ärmlichen Gewande, fern blinken die Lichter des Dorfes, 
tannenbaumtluftige Weihnachtspoesie liegt über der Landschaft. Und 
Wie reich an feinen seelischen Beobachtungen ist jedes seiner Werke. 
Es geht etwas Mildes, Inniges, gemüthvoll Idyllisches durch Uhdes 
Kunst. Sein Christus, der stille Mann, der so sanft die Hand auf- 
legt, so leise und geisterhaft sich bewegt, ist die verkörperte Güte, 
die lebendige Menschenliebe. Die Maria auf der wAülJßtLlllg des 
Kindesa ist keine schöne Frau, aber das Gefühl ihrer Mütterlichkeit 
verklärt sie  so wie Millet schrieb, wwenn ich eine Mutter zu malen 
hätte, WÜfdC ich sie schön machen allein durch den Blick, den sie 
auf ihr schlummerndes Kind richtete. Ganz meisterhaft sind auf 
der wßergpredigte die manigfacheil Regungen naiver Demuth, frommer 
Andacht, echter Herzenserhebtmg und Erbauung geschildert. Aus 
den weitgeöl-fueten blauen Augen der beiden Frauen wie aus den 
sonneverbrannteri Gesichtern der Männer spricht ein unnennbares 
Sehnen, ein heisses Verlangen nach vollem Verständniss der Worte. 
Ganz allerliebst ist der zierliche Engel, der auf dem Bilde der Ver-
        

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