Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1630857
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DEUTSCHLAND 
Uhde hat solche Darstellungen aus dem modernen Leben seitdem 
noch häufig gemalt und gehört überhaupt zu den vielseitigsten, um_ 
Wandlungsfähigsten Meistern der Gegenwart. 1884 hatte er auf der 
Münchener Ausstellung die übenden Trommler, 1888 eine Kinder- 
procession, die in ihrer prickelnden Lebendigkeit an Menzel streifte, 
1889 eine Kinderstube und ein i)Haideprinzesschenq, wie es Bastien- 
Lepage in Dachau gemalt haben Würde. 1890 stellte er sich durch 
ein Damenporträt in Schwarz, 1893 durch seinen nSClmUSplClGfe den 
bedeutendsten Münchener Porträtisten zur Seite. Immer reicher wird 
seine Sprache, immer kräftiger seine Pamlette. Ein Mann von zäher 
Arbeitskraft, kann er genug, um an Alles heranzutreten und wird 
voraussichtlich noch durch viele hervorragende Bilder aus den ver- 
schiedensten Stoürkreisen überraschen. 
Doch seine nachhaltigsten Erfolge, verbunden mit den heftigsten 
Anfeindungen, die ebenfalls dazu beitrugen, seine Arbeiten noch be- 
kannter zu machen, hat er als Bibehnaler erzielt. Das erste dieser 
YVerke, das im Museum von Leipzig befindliche xLLISSCC die Kindlein 
zu inir  führte in eine Schulstube. Man sah einen holländ- 
ischen Backsteinboden und jene Strohmatten, Rohrstühle und Blumen- 
stöcke, die später so gern von den Münchener Malern verwendet wur- 
den, auch jene breiten Hinterwandsfenster, die seitdem zum Inventur 
der Münchener Schule gehörten. Inmitten dieses Raumes standen 
niedlich linkisch in ihren grossen Holzschuhen allerliebste Bauern- 
kinder, die einen aufmerksam neugierig, die andern verlegen und 
schüchtern. Die hübsche Kleine vorn reichte mit köstlicher Zutraulich- 
köit 
dem 
auf 
dem bleuichcn 
holländischen Rohrstuhl 
sitzenden 
Fremd- 
ling die Hand, der während des Religionsunterrichtes in das Zimmer 
getreten. Und dieser Fremde war  Christus. 
Das Bild wurde wegen dieser Figur auf der Ausstellung 1884 
die Zielscheibe erbitterter Angrihce. Doch Uhde liess sich nicht irre 
machen, sondern ging ruhig seinen Weg. wKomm, Herr jesu, sei 
unser GLISIK war die zweite Strophe seines biblischen Epos. In der 
WVohnung eines armen Handwerkers hat sich die Familie zum Mittag- 
essen versammelt, das Tischgebet soll gesprochen werden, als eine 
hagere Gestalt in langem faltigen Rock mit einem lichten Schein 
über dem Hatnpte  Christus  hereintritt. Der Handwerker ninnnt 
die Mütze ab und begrüsst mit ehrfurchtsvoller Geberde den Gottes- 
sohn. In stiller, unatlectirter Liebe blicken die Uebrigen zu ihm auf. 
Von hinten durch ein schmales Fenster quillt das Licht herein und
        

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