Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1630505
Deutschland. 
ND es dauerte nicht lange, so erfüllte sich auch in Deutsch- 
l Iland das Wort von den faustischen zwei Seelen: aus dem 
fruchtbaren Erddünger des Naturalismus erspross die blaue 
Blume einer neuen Romantik. In Deutschland hatte einst der tief- 
sinnigste und grösste Malerpoet aller Zeiten, Albrecht Dürer, gelebt, 
hier konnte selbst in einer unglücklichen Periode Moritz Schwind, 
der gemüthvolle Phantast gedeihen. Sollte man, nachdem die Jahre 
eklektischer Nachahmung durch den Naturalismus überwunden, nicht 
auch wieder versuchen, neben der Welt des Seienden der der Träume, 
neben der greifbaren Wirklichkeit auch dem Ueberirdischen Gestalt 
zu geben, das mit Vorstellungen und PlIZIHIClSiCVOllCHI Begehren in 
die Herzen der Menschheit hineingreift? In jener Zeit der Hoffnungen 
geschah es, dass der Boecklin-Ctilttis seinen Anfang nahm, dass Deutsch- 
land begann, in ihm, dem lange Verlästerten, den Stifter einer neuen, 
glühend ersehnten Kunst zu feiern. 
 Burne-Jones, Puvis de Chavannes, Gustave Moreau, Boeckliiz  
sie bilden das grosse vierblättrige Kleeblatt des modernen Idealismus. 
Sie werden ltünftigen Generationen die Zeugen sein vom europäischen 
Gefühlsleben am Schlusse des Jahrhunderts. Alle vier sind ziemlich 
gleichaltrig, alle vier Engen im Beginne der 30 er Jahre zu arbeiten 
an. Alle vier waren damals verschieden von Allem, was vor ihnen 
und neben ihnen entstand. Sie verkörperten den Zeitgeist der Zu- 
kunft. Boecklin so wenig wie die andern hat nennenswerthe Wand- 
lungen durchgemacht. Sein Geist war so reich, dass er ein Jahr- 
hundert zusammenfasst und noch das neue einleitet. Er war der Zeit- 
genosse Schwinds, er ist unser Zeitgenosse und wird noch der Zeit- 
genosse unserer Nachgeborenen sein. Ihn aus einer vorangegangenen 
Richtung abzuleiten, wäre gleich tinmiäglich, als zu erklären, weshalb 
er, unser grösster Phantast, in der nüchternsten Stadt Europas, in 
Basel, geboren ward. 
        

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