Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1630473
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FRANKREICH 
XLIX. 
Heiland dankt, berauscht sich der Mensch am Athem des Weibes. In 
sinnlicher Brunst bedeckt er ihren Busen, ihre Hüften mit Küssen, 
glaubt Gott anzubeten in diesem strahlenden Körper. Da fühlt er, 
wie ihr Leib sich bewegt, ihre Arme ihn umfassen, ihr Schooss 
sich öffnet. WVollüstig, mit den Bewegungen der Dirne windet sie 
die Hüften, wirft ihm Küsse zu, die in der Luft sich in Rosen ver- 
dichten. Das rothhaarige Mädchen ist's mit dem vollen Butsen, das 
er jenes Abends am Brunnen gesehen. Hinter ihr am Boden liegt 
zerschellt das Bild des Gekreuzigten. Der Dämon hat ihn genarrt, 
löst als eine hagere, pferdefüssige Gestalt aus dem üppigen Weiber- 
körper sich los und verschwindet mit höllischem Gelächter im Nebel. 
Rops steht in der Art, wie er diese Dinge behandelt, ohne jeden 
Vorgänger in der Kunstgeschichte da. Auch die Alten seit Salomo, 
Aristophanes, Catull, Ovid und Martial hielten nicht zimperlich vom 
erotischen Gebiete sich fern. Aber Giulio Romano und Annibztle 
Carracci wirken doch nur lasciv, Fragonard und Baudouin frivol 
tändelnd. Urwüchsig derb sind die Obscoenitäteu von Rubens und 
Rembrandt, hysterisch verzerrt die grausam sinnlichen Erfindungen 
der Japaner. Rops lässt neue grosse Töne erklingen. Manche seiner 
Blätter wirken wie Epopoeen, religiös und mystisch zugleich. Da wo 
sonst die ewige Liebe vom Kreuz herab dem Menschen die Hand 
bot, triumphirt heute die Wollust, und die Menschheit liegt ihr betend 
zu Füssen. Statt der Buchstaben IN RI prangt das Wort EROS am 
Kreuze, und wie der Kriegsknecht mit der Lanze in jesu Hüfte 
sticht, zeigt Beelzebub mit dem Stock auf den Leib des Weibes: In 
diesem Becken wird das All verschwinden. Rops Todtentanz der 
Liebe ist gleichsam die letzte Form, die die alten Todtentänze, jene 
ehrwürdigen katholischen Legenden, in der Hand eines Modernen 
annahmen. Nur Baudelaire, Barbey d'Aurevilly und Edgar Poe haben 
für die geheimnissvolle Allmacht der Wollust solche Töne gefunden. 
Als Maler ist vorläufig Fernand Klznopjf der einzige, der unter 
Anschluss an Maeterlinck und die literarischen Decadents etwas In- 
tellectuelles, Geistiges, Delicates in die lleischfroh sinnliche vlämische 
Kunst gebracht hat. Er verlebte seine jugendjahre in der Stadt Hans 
Memlincs. Eine Welt mysteriöser Gefühle ruhte im schummerigeii 
Halbdunkel dieser Kirchen, über den geweihten Sälen des Johannes- 
hospitals und über diesen ruhigen Strassen, wo man keinen Schall 
als den der eigenen Fusstritte und selbst diese nur abgedämpft hört, 
da Moos und Gras die von Zeit und Regen glatt gewaschenen Steine
        

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