Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1630455
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XLIX. 
FRANKREICH 
Rops' Frauengestalten zugleich etwas, das über die Natur hin-ausgeht. 
Sie wirken wie übernatürliche Wesen, wie Nymphen, Dryaden, 
Bacchantinnen, wie seltsame Göttinnen einer zeitgenössischen Mytho- 
logie, deren geheime Saturnalien der Künstler entdeckte. Vergoldete 
Altäre erheben sich, Opfcriiammen züngeln lohend zum Himmel, 
und aus allen Theilen der Welt nahen Pilger, ihre Kränze niederzu- 
legen zu Füssen des allmächtigen Eros. 
Das Weib ist für Rops die dämonische Incarnation der Wollust, 
die Tochter der Finsterniss, die Dienerin des Teufels, der Vampyr, 
der das Blut des Weltalls in sich aufsaugt. sDie Prostitution als 
Herrscherin der Welta: ein Weib mit Ziegenfüssen, das nackt bis zu 
den Hüften auf der Erdkugel steht und ihr verlebtes Gesicht zu 
provocirendem Lzlchen verzerrt, könnte das Titelblatt zu seinem 
ganzen Werke bilden. Da wälzt sich eine Dirne nackt auf dem Rilcken 
einer Sphinx, umfasst den Hals des Thieres und fleht es an, ihr das 
Geheimniss neuer tmgekzinnter Sensationen zu enthüllen, mit denen 
sie die müden Nerven der Männer noch stachle. Dort hat sie 
eine Henne umschlungen und betrachtet sie mit verzehrend sinn- 
lichen Blicken.  Ein üppiger Weiberkörpcr verwandelt sich in ein 
verwesendes Pferd, und vor diesem Aas, das Mückenschxvviirine be- 
decken, steht Satan grinsend in geheimer Wollust. Oder Venus als 
Gerippe in Balltoilette, mit der einen behandschtihten Knochenhzmd 
die Schleppe, in der andern einen Fächer haltend, kokettirt mit einem 
Herrn, der im Frack, die ganze Brust von Orden bedeckt, in correcter 
Salonhitltting sich vor ihr verbeugt, seinen Kopf als Chapeau-clttque 
unter'm Arm. Auf einem der schönsten Blätter ist dunkle Nacht. 
Ucbcr dem schlafenden Paris steht, in grosser Silhouette sich vom 
Himmel abhebcnd, ein Sänmann, den einen Fuss auf die Notredame- 
kirche, den andern auf die Sorbonnc gesetzt. Im Arm hält er 
ein grosses Schurzfell mit krabbclnden Fraucnlarven und wirft mit 
majestätischer Bewegung dic Saat des Bösen über die schweigende 
Stadt. Nach seinem Bartschnitt und der Form seines Hutes ähnelt 
er einem amerikanischen Quäker: Was 
die die neue Welt der alten darbrachte. 
er säet, ist die Morgengabe, 
Grässlich ist das Blatt mit 
der wmodernen Venusa. Ein Wesen, das einer Fledermaus oder einem 
grossen Nachtfalter gleicht, ist halb vom Rücken gesehen. Da wo die 
grossen Flügel ansetzen, nisten Würmer in den Heischlosen Rippen. 
Ein feines seidencs Corset schnürt den üppigen Busen, die dünne 
Taille ein und lässt das breite Becken desto mächtiger wirken. In
        

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