Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1630005
XLVIII. 
WrnsrLER 
SCHOTTEN 
UND 
S53 
eine Sammlung von französischen und holländischen Bildern zur 
Stelle gebracht. Man sah zum ersten Mal Millet, Corot, Diaz, 
Israels, Maris, Bosboom und Mesdag. Auch Farbensymphonien 
Whistlers waren vorhanden. Monticellis Bilder wurden vorgeführt 
und vielfach gekauft. In diesen Meistern entdeckten die jungen 
Maler wahlverwandte Elemente. Ihnen zu folgen, ihnen es gleiche 
zuthun, wurde die Absicht. Aber nachdem sie sich vollgesogen an 
den fremden Ideen, bewirkte die Natur ihres Landes, dass sie sie 
in seltsamer Umformung fast als etwas ganz Neues aus sich heraus- 
schlenderten. 
Glasgow ist bekanntlich, so Wenig es selbst landschaftlich bietet, 
die Eingangspforte ins schottische Hochland und dieses das roman- 
tischste aller Länder der Welt. Oede Schluchten wechseln mit wilden 
ernsten Thälern, mit schwarzen Seen und dunkeln einsamen Ufern. 
Eichen und Buchen neigen vom Felsengestade ihre Zweige tief in 
die stille Fluth. Die Umrisse der Berge sind kühn und wild, aber 
zerbröckelt, zerrissen und verwittert, als hätte eine vor Alter zitternde 
Hand sie gezogen. Duftiges Haidekraut, über dem, berauscht von den 
würzigen Wohlgerüchen, Millionen von Bienen und Schmetterlingen 
stimmen und flattern, überzieht wie mit röthlichem Teppich den Boden. 
Der Himmel ist fast immer bewölkt, die Wolken hängen niedrig an 
den Bergen, und was zwischen Erde und Aether wogt, erscheint wie 
von weichem Schleier umhüllt, der selbst die stärksten Farbenspiele 
durch eine Fülle zarter Tonübergange verbindet. Während in Nor- 
wegen die klare durchsichtige Luft in fast brutalem Realismus alle 
Einzelheiten in frischen Farben abzeichnet, liegt es hier wie ein 
grosses tiefes Geheimniss über der ganzen Natur. Alles ist Ton- 
symphonie in den Stunden der Dämmerung, wenn der Himmel einem 
tiefen Purpurdom gleicht und die alten Felsen wie von innerem Feuer 
erhitzt glühen. Unheimlich träumerisch kriiuseln die stillen schwarzen 
Landseen ihre Stirn. Nur an den haidebewachsenen Abhängen weiden 
hie und da gespenstische Schafe, oder ein heiserer Mövenschrei durch- 
tÖnt hungrig klagend die Luft. 
Dieses düster melancholische Land war wie geschaHen, die Wiege 
romantischer Sagen und Dichtungen zu werden. Schottland ist das 
Land des zweiten Gesichts, das Land der Ahnungen und Träume. 
Klatgend und wehmüthig sind die Lieder, die alte grztubärtige Musikanten 
zum schottischen Nationalinstrtimeiat, der Sackpfeife singen. An jeden 
Felsenvorsprung, an jede waldige Schlticht knüpfen sich Legenden und
        

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