Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1629771
S30 
XLVIII. 
WHISTLER 
UND 
SCHOTTEN 
materialisirt sich, nimmt körperliche Gestalt an, steht vor uns, un- 
endlich ruhig, ein sinnendes Wesen, in nachdenklicher oder ernst 
selbstbewusster IcIalttmg, ganz wie ein Mensch und doch alles Sub- 
stantiellen entkleidet. 
Das Bildniss der kleinen Miss Alexander war eines seiner ersten 
und bezeichnendsten Werke. Das blonde Mädchen, als spanische 
Infantin gekleidet, geht dem Beschauer entgegen, einen grossen Hut 
in der Hand. Das Costüm durchläuft die ganze Tonskala des 
Velazquezschen Grau, und einige Details der Toilette dienen nur 
dazu, diese Nüancen auseinanderzuhalten oder schärfer zu accentuiren: 
das schwarze Schuhband, die schwarze Hutfeder, die schwarze Schärpe 
des Kleides. Das blonde, leicht herabfitllende Haar ist ebenfalls von 
schwarzem Band ä la Velazquez durchzogen. japanisch ist der Strauss 
von "Gänseblümchen in der Ecke, japanisch die Tapete und das weisse, 
goldgestickte Kopftuch, das, am Boden liegend, von der grauen Wand 
sich abhebt. 
 Seine Mutter sitzt im Profil, in schwarzem Kleide da, unbeweg- 
lich und träumerisch, in jener Gelassenheit alter Leute, die so ruhig 
scheint und einen, solchen Strom von Erinnerungen umschliesst. Das 
Gesicht ist bleich, keine Bewegung, kein lautes Wort stört die Sub- 
tilität der Gedanken. Wenige grauschwzirze Silbertöne erzielen einen 
riithselhziften, fast mystischen Effekt. Zugleich ist in den Linien einer 
Einüchheit, eine Harmonie. eine Grössc, wie sie nur die grössten 
Künstler gehabt haben. 
Den Historiker Carlyle (1873) hat er ebenfalls im Profil vor 
einer grauen Mauer gemalt und in den Farbenwerthen Alles so dis- 
ponirt, dass man glaubt, einen in Moll gespielten Trauermarsch zu 
hören. Der Stuhl, auf dem er sitzt, ist schwarz; schwarz deriHut, 
den er auf dem Knie hält, der weite fatltige Rock, der Handschuh, 
den seine Hand bedeckt. In der ganzen Linie liegt etwas Müdes; 
wie eingegraben in die dicken Kleider ist der Körper; die gekreuzten 
Beine verschwinden unter der Last eines datraufgelegten Ueberziehers. 
Der leichenhzift bleiche Kopf neigt sich matt auf die linke Schulter. 
Der ungepilegte Bart, die langen Haare sind grau, die Augen halb 
geschlossen, halb wachend, die Züge ernst resignirt, von einem 
Hauch bitterer Wehmuth umspielt. Dazu stimmt die Luft, die die 
grosse hagere Figur timhüllt: nicht jenesgelbliche Grün wie auf 
dem Bild der Miss Alexander; der Tag ist schwarz, düster wie die 
Nebel, die der Themse entsteigen; ein Londoner Wintertag, jene
        

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