Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1629480
XLVII. 
ENGLAND 
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heiten, die plötzlich die Lebenskraft aufzehren  so spiegeln diese 
Stimmungen nicht antike Denkweise, sondern die vom Schlusse des 
I9. Jahrhunderts wider. Ebenso frei und selbständig verhält sich 
Burne-Jones zum Inhalt alter Legenden. lir nimmt sie auf, bildet 
sie aber um, entdeckt in ihrem Kern moderne Leitlenschaiten, versetzt 
sie mit nüai1ce111'eicliei1 Zügen, die er ohne NVeiteres dem Inhalt einer 
neuen Weltanschauung und seines Zeitalters entnimmt. Die mensch- 
liche Seele, alt geworden, blickt gleichsam zurück auf den Weg, den 
sie ging, und Endet die Seele des Greises schon latent in dem Kind, 
das der Vater des Mannes. Alle Gestalten seiner Bilder sind um- 
schwebt von einem Diinnnerlicht, das nichts gemein hat mit der 
Tlageshelle. in die das Renaissancezeitalter die Antike rückte. Es bleibt, 
wenn man sie deuten will, ein unaulgelöster Rest, ein Zauberhauch, 
der ihren Zug umwittert, etwas Geheimnissvolles, Märchenhaftes, das 
sich nicht fassen lasst. lis ist die schwebende Stimmung, die Em- 
pfindung unseres Zeitalters. XVie aus einem Zauberspiegel starrt unser 
eigenes inneres Selbst uns gespenstisch entgegen. 
Und wie er den ganzen Geist der alten Legenden unnnodelt, 
so übersetzt er auch künstlerisch die entlehnten Gestalten sofort in 
seine eigene Formgebung, macht sie in Tiyiuus, Körperbau und Halt- 
ung ohne Weiteres ihrer neuen Rolle dienstbar. 
Schon die ganze 'l'e1nperattn' seiner Bilder ist eine andere als 
bei den Meistern des Quattrocento. Auch bei Botticelli grünt das 
junge Laub und prangt in saftiger Fülle. Aber bei Burne-loiies gleicht 
die Vegetation einem der riesigen NViilder auf Sumatra oder Java. 
Alle PHanzen sind üppig und liarlwenpriiclitig und scheinen unter einer 
übermächtigen Fillle von Lebenskralt zu ersticken. jeder Baum macht 
den Eindruck schnellen, durch tropische Hitze geil emporgetriebenen 
XVachsthums. Saftige Schmarotzerpflaiizen winden sich von Stamm 
zu Stamm; Guirlanden von Schlinggexrviichsen durchranken wucherntl 
die Aeste. 
Und wie die Vegetation üppiger, sinnlicher, sind die Menschen 
hungrigen schinaclitender. Die herbe Anmuth, Härte und Sprödigl 
keit des Quattrocento ist abgeschwächt in emplintlsanie Melancholie. 
Die triittnierische Holdseliglteit Botticellis verwandelt sich in feierliche 
XVeihe, zarte Hinliiilliglteit, wollüstige Müdigkeit, weichen Weltschinerz. 
Malt er antike Sibyllen, so liegt über ihnen zugleich ein Hauch der 
überirdisch weltflüchtigen Askese des Mittelalters und der schwer- 
müthig bleichsüchtigen Blasirtheit vom Schlusse des I9. Jahrhunderts.
        

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