Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1629078
460 
XLVI. 
DAS 
WESEN 
NEUIDEALISMUS 
einer um das Innerliche bemühten, einen eigentlichen Cultus der 
plastischen Schönheit nicht mehr kennenden Zeit weit mehr zusagt, 
als das ruhmrednerische Cinquecento mit seinen würdevollen Ge- 
stalten, deren Gesten gewöhnlich ihr ganzer Ausdruck sind. Einigen 
gelingt es, die entlehnten Formen sofort zu 'l'riigern eines neuen 
Empfindungsgehaltes zu machen. Doch bei solchen, deren Eondsan 
Modernität nicht stark genug ist, neuen Wein in die alten Schläuche 
zu füllen. kann dieses Archaisiren leicht zu eklektischei" Unselbständig- 
keit führen. (jourbets und Leibls Werke werden auf alle Zeiten, auch 
die entferntesten, so lange sie vorhanden sind, eine Wirkung ausüben. 
Die neueste Strömung ist geeignet, ein gewisses Kokettiren mit einer 
sehr billigen, wenig Können voraussetzenden Genialität grosszuziehen. 
NVie von den Impressionisten Viele in Vulgaritat und trockenen Re- 
porterstil verfielen, so lieben die modernsten Durchschnittsnialer viel- 
leicht allzu sehr eine bizarre Melancholie, suchen Ausdrücke, die 
riithselhaft sein wollen, posiren mit Hinfiilliglteit, spielen neben den 
Snob. Man ärgert sich oft über einen gesuchten Hautgout, der die 
einfachsten Motive für den ästhetischen  aufkräuselt. 
Der gebleichte Gobelinton, den einzelne Führende angeschlagen, wird 
von dem Tross verwässert und übertrieben; das Streben nach ein- 
fachen Farbenltlangen und heraldischen Linien zog eine gewisse Richt- 
ung in's Kunstgewferbliche gross. Das sind Gefahren, die jede über 
die Natur hinausgehende Malerei mit sich bringt. Ebenso selten wie 
unter tausend Schriftstellern ein echter Dichter, ist ein echter sldealista 
unter tausend Künstlern. Und es ist leicht möglich, dass, wenn die 
Strömung, die uns jetzt mnfluthet, vorübergerauscht ist, und statt 
auf einen neuen Parnass vielleicht in die alten Geniäldegalerien ge- 
führt hat, iiussert wenige von denen, die heute bewundert werden, 
aufrecht stehen bleiben. Für die Mitlebenden aber wurden ihre Werke 
einstweilen ein Labsal, weil sie einer Stimmung unserer Zeit, die nach 
Ausdruck rang und deren Wünschen der Naturalismus allein nicht 
genügt hatte, zur schönen bestrickentlen Erscheinung halfen. 
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.