Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1629037
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XLVI. 
DAS 
NEUIDEALISMUS 
WEsEN 
alltäglicher Stimmung. Wenn der Sommer kam und das Gras dicht 
und tippig auf den Wiesen wucherte und die Saaten auf den weiten 
Aeckern wogten, dann sagten die Maler wohl, dass es eine schöne 
Zeit sei, und malten Landschaften, aber sie waren keine besonders 
poetischen Naturen, kannten tmbestimmte Sehnsucht so wenig wie 
wache Träume. Die Neuesten ergänzen ihre Vorgänger durch eine 
weit kräftigere Betonung des Stimmtmgselementes. Sie schwelgen 
mit den Augen in den tausend subtilsten Parbennuancen der Natur. 
inventarisiren gleichsam die Eindrücke. die zu den köstlichsten Reizen 
eines Auges gehören. Die Natur zieht sie an, wenn sie bizarr ist, 
und sie vernachlässigen sie, wenn sie alltäglich wird. Namentlich 
das kitlte, wahrheitsliebende Tageslicht ist ihre Sache nicht. In dem- 
selben Maasse wie das Occulte im Seelenleben, reizt das Occulte in 
der Natur. Aus dem Dunkel der Nacht, aus dem Schleier des Nebels 
blickt die Welt mit riithselvollereit Augen und lasst tiefere, seltsamere 
Hintergründe ahnen. Dem Nebel streben daher die Feinsten und 
Sensibelsten mit innerlicher Liebe zu. Besonders der Abend behagt 
ihnen. wenn die Farbe am V erklingen ist und gespenstische Schatten 
auftauchen, wenn ein weicher DllllStllklllCll über der Erde lagert und 
geheimnissxttwll ltlztgentle Stimmung aus der Landschaft tönt. 
Selbst die Portratmalerei zeigt eine andere Nüance. In den 
Bildnissen der vorausgegangenen Periode stehen ganze Menschen 
da, in ihrem Werktagscharttkter, in schneidigei" Charakteristik vor 
Augen gestellt. Die Neuesten lieben ein seltsames Dämmerlicht. Das 
Körperhafte, die Form, die Wirklichkeit tritt zurück. Etwas Ueber- 
sinnliches, die Ahnung einer andern tinbektinnten Welt, in die die 
Gestalten ltineinschweben, oder aus der sie herkomtnen, soll den Be- 
trachter umfangen. 'l'rau1nhaft, wie aus Nebelschleiern schimmern 
die Figuren hindurch  wie man ferne, liebe Personen sieht, wenn 
man die Augen schliesst und sich im Geist zu ihnen versetzt. 
Doch hauptsächlich haben auf dem Gebiete der monumentalen 
Malerei sich die Truppen zusammengezogen. Nachdem bisher die 
künstlerischen Elemente sich fast ausschliesslich mit der Oel, Pastell- 
und Aquarellmalerei beschäftigt und die Erledigung LlCCOfHtlVCf Auf- 
träge Eklektikern zweiten Ranges überlassen, drangen jetzt gerade die 
Vorgeschrittensten von der Tafelmalerei weg dem Fresko zu. Zolas 
Definition, Kunst sei Natur gesehen durch die Brille eines Tempera- 
mentes, gilt nicht mehr vollständig. Ein ganz beträchtlicher Theil 
der Kunst ist rein decorativ geworden. Die Wandmalerei in ihrer
        

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