Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1629015
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XLVI. 
DAS 
WESEN 
NEUIDEALISMUS 
DES 
Andere finden Gehllen an dem zarten cntsagcnden Mysticismus des 
Evangeliums. Neben christlich religiösen Neigungen finden sich solche 
zu altasiatischen Begrilfcn undPhantasief0r111en. Allerlei occultistischc, 
übersinnliche Schwärlnereien bilden sich Formeln und suchen Befriedi- 
des Mittelalters, die Riithsel der Halluzinirten, 
Lehren aus der ersten Heinmth der Mensch- 
gung. Die Zaubereien 
die wunderlichen alten 
heit reizen die Maler unablässig. Aber auch die Sllgßl] des Ritter- 
thums geben Anregung, die phantastische," für die Augen glänzende 
Welt, wo Liebe, Krieg, Abenteuer, Edelmuth, Askese sich xiereinten. 
Schöne Menschen in reichen Gewändern handeln und wandeln in 
nmrmornen Palästen und goldenen Hallen; stille Madouueu ruhen auf 
blühenden Wiesen und eniplinden ihr Mutterglück. Man lauscht wieder 
hexxrundernd auf die mystischen Naturlaute des Volksliedes, auf die 
halberstorbenen Klänge versunkener reizender Welten, vertieft sich in 
die bltithenunnvobenen alten Legenden und Mythen. Griechenland 
sogar, das durch den Classicismus coinproniittirte Hellas, ist wieder 
das Miirchenlnnd des Geistes, die Romantik des Hellenisinus ein wesent- 
licher 
Bestandthcil 
HCLICSICI] 
Kunst. 
Dieser 
Sehnsucht 
nach crdenfcrncn Schönhcitsxvcltcn 
ist das Vcr 
langen nach neuen coloristischen Genüssen verbunden. Auch in ihrer 
Farbenanschauung bewegte sich die moderne Malerei in steil aufsteigen- 
der Linie. Zunächst ganz unmalerisch, gztb sie grossartige Illustrationen 
zu moderner Gelehrsamkeit, die nur durch ihren gcdankenhaften Inhalt 
fesseln. Dann befreite sie sich aus dem Dienste der Wissenschaft und 
lernte die Farbe als ihr eigenes Ausdrucksmittel kennen. Langsam be- 
gann das Sehvermögen an den alten Meistern sich zu schulen, dann, 
nachdem das Galeriestuditim beendet, sich auch vom gelben Firniss- 
ton zu befreien, sich aufzufrischen und zu hiinten an der Natur. 
Es erfolgte eine Revision der gemalten Natur mit Zugrundlegtmg 
der wirklichen. Und nun, nachdem die Hellmalerei ein differen- 
zirteres Farbensehen gelehrt, nachdem man alle Kraft eingesetzt, den 
schwierigsten Elementen der Erscheinungswelt. Luft, Licht und Farbe 
bis zur iiussersten YVirklicltkeitsnachahmung beizukommen, vollzieht 
sich der letzte entscheidendste Schritt: man geht von der mehr ob- 
jectiven Wiedergabe des NZIILITGiIILlFLICl-IS zur freien, rein dichterisch 
symphonischen Behandlung der Farben über. Diese bergen sich 
nicht mehr scheu unter einer braunen Kruste, auch den grauen 
Schleier Werfen sie ab und treten mit eigenen Ansprüchen als selb- 
ständige YVese-n hervor. Ein neuer, specifisch moderner Colorismus
        

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