Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1628546
XLV. 
DEUTSCHLAND 
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und ihre Bilder erregten in Paris den meisten Beifall. Doch der 
Berichterstatter der Gazette wies auch bei ihnen mit Recht darauf 
hin, dass sie nur eine Durchgangsphase zur Modernität bezeichneten. 
Das hingebende Studium der alten Meister hatte dazu verholfen, 
wieder malen zu lernen, nachdem bisher nicht die Malerei, sondern 
die Fabel in erster Linie gestanden  aber zum Schluss war Alles 
holintmgslos gut gemalt, ohne dass dadurch die Kunstgeschichte 
einen Schritt vorwärts kam. Man verstand das Gewand der Alten 
meisterlich zuzustutzen, formengexvandt zu drapiren, Eirbenüeudig zu 
besetzen, aber es war doch ein altes Gewand, das trotz künstlicher 
Auffrischung nicht schöner wurde als es neu gewesen. 
Mit Menzel hatte die Schilderung des Wahren, des motiernen 
Menschen begonnen. Er bildete in jenen Jahren eine Enclave für 
sich. Ganz positiv und scharfiiiigig, fand er seine Rechnung tiberall: 
in den Salons. auf den (öffentlichen Promenaden, in den Menagerieen 
und Arbeitsräumen. Er erzählte nicht, fügte nichts Humoristisches 
bei, er beobachtete nur. Und doch lag auch in seiner Art noch ein 
gewisses genrehaft novellistisches Element, eine Neigung nach der 
raisonirendeii Seite. Er beobachtete die Phjgsiognomien und Stellungen 
seiner Mitmenschen mit den Augen Hogarths, das Ceremoniell der 
Galas Wirkt, Wenn er davon berichtet, mehr plebejisch als vornehm; 
das Vergnügen in den Badeorten hat, von ihm angeschaut. eine fast 
traurige Komik. Er War ein kalter Analytiker. der scharf Durchdachtes 
scharf accentuirte und präcisirte, aber es fehlte ihm noch die Zärt- 
lichkeit, die Erregung, die Liebe. Etwas Satirisches liegt in der Art, 
Wie er unterstreicht, etwas Herzloses in dieserüberlegenen Ironie, 
die kaum vor hilflosen Kindern _und wehrlosen Frauen die Waffen 
streckt. Wenige haben schärfer ihren Mitmenschen in die Seele ge- 
schaut, aber immer steht er unnahbar über ihnen, benutzt sie nur 
zur Anfertigung geistreicher Epigramme. 
Mit Leibl hatte nach diesem pikanten Feuilletonstil Menzels die 
deutsche Malerei einen Weitern Schritt in der Richtung der Einfachj 
heit viorxxrärts gemacht. Sie interpretirt nicht mehr im Sinne des 
Pointirten, sie betrachtet und malt. Sie malt sehr gut, malt mensch? 
liche Körper und Kleidungsstücke bis zur Illusion genau nach, sie 
malt Alles, was man berühren kann, mit einer Naturtretie, dass man 
die Hand darauf legen möchte. Die ganze Einwohnerschaft Aiblings, 
Jäger, Bauern, Weiber, erscheinen in Leibls Bildern als beängstigende 
Doppelgänger der Natur, in einer Aehnlichkeit von niederschlagender
        

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