Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1627970
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XLIII. 
RUSSLAND 
danken dem Herrn für die reichgedeckte Ttifel, die seine gütige Vor- 
sehung ihnen bereitet. In dichten Schwärmen Hattern sie herab zu 
schwelgerischem Festmahl, am dichtesten da, wo die Geschützriitiei" 
ihrem Schnabel vorgearbeitet. Gesättigt, lassen sie sich dankbar auf 
den Telegraphendrähteil nieder, um behaglich ihr Mahl zu verdauen. 
 Grauenvolle V erwestlng herrschte in dem wTürkischen Lazareth vor 
Plewnaa, einem dumpfen Kellerraum, wo Kranke und Verwundete in 
wirren Kniiueln zwischen verfaulten Leichen sich wiilzten- Daneben 
hing die Trilogie von der erfrierenden Schildwache. Zur Seite die 
Darstellung des Zaren Alexander, der mit seiner Suite die rings 
wogende Schlacht wie eine Theatervorstellung ansieht. Den Ab- 
SCl1lL1SS machte das Bild vSkoweleli am SCDiPlülpHSSQ, wie er fett, 
mit geröthetem, feistem Gesicht über die von Schnee und Leichen 
bedeckte Ebene sprengt und, gutgeltlunt nach dem Champagnerirtili- 
Stück, den Erfrierenden zuruft: Im Namen des Kaisers, Brüder, ich 
danke Euch. 
Werestschagin wirkte in allen diesen Werken trotz seiner Pariser 
Studien sehr roh,  farbig, aber dünn und langweilig in der Mache. 
Auch die ostentative Art, mit der er seine Ausstellungen in Scene 
setzte, die Geschicklichkeit, mit der er die Wirkung auf die Masse 
berechnete, trug nicht dazu bei, seinen künstlerischenRuf zu heben. 
Wie grob und brutal er ist, wenn er mit rein künstlerischen Mitteln 
arbeitet, zeigten seine ethnographischen Bilder aus 'l'urkestan und 
Indien, die technisch unvergleichlich tiefer als ähnliche YVerke Pasinis 
stehen und mit der Erlindung der Farbenphotogrtiphie den Rest ihres 
Interesses verlieren werden. Werestschagins Bedeutung für die russ- 
ische Kunst ist trotzdem eine grosse. 
Was vorher im Schlachtenbild geschaffen worden, ist  Orlowsky 
ausgenommen  kaum der Rede werth. Sauerweid und Willewalde 
waren geistlose Copisten Horace Vernets, Kotzelme, der Sohn des be- 
kannten Dichters, zeigte zwar Gewandtheit in Anordnung, Gruppirting 
und Decoration: es wimmelt bei ihm von Soldaten. Mächtige Felsen, 
alterthümliche Burgen und Häuser thürmen sich in pittoresker Weise 
aufeinander. Aber die Menschen sind von Blei und die Landschaften 
Theatercoulissen: hohl und von banaler Lieblichkeit. Er war ein 
Hotter Arrangeur und der Uniformen kundig, aber das Dramatische 
des Krieges entging ihm. 
Werestschagin bahnte sich ganz neue Wege. Kurz vorher war 
Tolstois grosser Roman sKrieg und Friedena erschienen, worin zum
        

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