Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1627911
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XLIIl. 
RUSSLAND 
kleinen Holländern nahe. In seinen spiitern Jahren machte er Ver- 
suche, noch mehr in dieser malerischen Richtung vorzugehen, doch 
der Irrsinn und bald darauf der Tod setzte seinen Plänen ein linde. 
Und die Folgenden machten in dieser Hinsicht auch keinen Fort- 
schritt. Sie verhalten sich zu ihren Vorgängern ähnlich wie Carl 
Hühner oder Wiertz zu Madou und Meyerheim. jene Aelteren be- 
trachteten die Malerei wie ein Spielzeug, ein unterhaltendes Witz- 
blatt, konnten selten sich versagen ihren Bildern einen lustigen, 
lächelnden Zug zu geben. Alle ihre SCUHCH sind rosig angehaucht 
und verrathen nichts vom echten Leben, von all den tragischen und 
melancholischen Schmerzen des damals unter dem ]och der Leib- 
eigenschaft schmachtende11 Russland. Auf diese Humoristen folgen 
die Doctriniire. Das wsocialistische Ikndenzbilcia, das im übrigen Eu- 
ropa das optimistische Anekdotenbilti ablöste, fand im Zarenreich be- 
sonders fruchtbaren Boden. Der Tod Nicolatis II. und die 'I'hron- 
besteigung des wegen seiner liberalen Gesinnungen längst geliebten 
und ersehnten Alexander II., des vMensch gewordenen EUgClSa, 
wie man ihn als Kronprinzen nannte, hatte Russland von einer 
schweren, drückenden Last befreit; die Brust atthmete auf, ein frischer 
Luftzug ging durch das Land. Die Regierung selbst rief mit ihrem 
gewaltigen Reformprograniiii, das mit der Aufhebung der Leibeigen- 
schaft so machtvoll einsetzte, die freisinnigen Geister zur Mithülfe 
auf, und unter der Aegide dieser Emancipationsbestrebungen traten 
auf allen Gebieten des Geisteslebens Ideen und Anschauungen mit 
dem Visum ofiicieller Existenzberechtigung an's Licht, die bisher 
nur ein verborgenes und geheimes Dasein geführt hatten. Die 
Literatur, vorher geknebelt, tionnerte und dröhnte mit furchtbarem 
Getöse cirauf los. zßDaS Leben ist kein Scherz und kein Spiel, son- 
dern schwere Arbeit. Entsagung, beständige Entsagung, das ist sein 
geheimer Sinn, das.ist sein Räthselwortlar Auch die Malerei müsse 
erziehend auf die Menschen wirken, den grossen Kampf mitkiimivfeii, 
mitpredigen und belehren. Nicht den Sinnen habe sie zu schmeicheln, 
sondern höhern, fortschrittlichen, die Welt veredelnden Zielen zu 
dienen. Das Drollige, Possenhafte der ersten Bilder nimmt eine 
schrofle Wendung zum Melancholischen. Eine raisonnirentle, tenv 
dcnziöse Progratmmmalerei trat hervor, und die Technik, das rein 
Malerische hatte unter diesen Anschauungen desto mehr zu leiden. 
Man bmuchte nur humane Ideen zu haben, beissende Andeutungen 
und laute Anklagen in der Eile mittels Farben niederschreiben, neues
        

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