Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1627820
XLIII. 
RUSSLAND 
335 
Eine kolossale Leinwand mit stürzenden Hiiusern und wimmelnden, 
tiberlebensgrossen Figuren, ein buntes leuchtendes Farbenchaos, wo- 
rin M135 Feuer des Vesuvis mit dem Glanze des Blitzes vom Himmel 
geraubt zu sein SCllicna, musste einen erschütternden Eindruck auf 
Leute machen, die bisher nur an dunklen todten Coinpositionen sich 
erfreuen konnten. Brülow, hiess es, habe Michelangelo und Rafael 
übertroffen; er allein habe verstanden, das grünlich 'l'ragische mit 
edelster Schönheit zu vereinen. Solche Reden wurden nicht nur 
von kleinen Feuilletonisten gehalten: die grössten Genien Russlands 
suchten, nachdem Scott das Beispiel gegeben, sich im Brtilowcultus 
zu überbieten. Gogol spendete in einem Aufsatz tinbeniessenes Lob, 
Puschkin wälzte sich vor dem Maler auf den Knieen, um eine Skizze 
von ihm zu erbetteln; Shukowsky verbrachte ganze Tage in Brü- 
lows Atelier und nannte dessen religiöse Ewilder wVOll Gott inspirirte 
ViSlODCHe. 
Heute ist dieser Enthusiasmus so schwer verständlich, als die 
Begeisterung. die gleichzeitig den Werken des Delaroche, YVapipers 
und Gallait zu Theil ward. Gewiss hat Brülows xPOlDpCjia in der 
russischen Kunst kulturgeschichtliche Bedeutung. Gerade weil es in 
die Eintönigkeit des Classicismtis wie eine grelle Fanfare herein- 
schmetterte, erweckte es den Sinn für Farbe und lenkte die bis da- 
hin schlummernde Aulinerksanikeit des russischen Publikums auf die 
Vaterländische Malerei. Das Kunstinteresse erstarkte; mit jedem Jahre 
wuchs die Zahl der Ausstellungsbesticher; man verfolgte mit Spann- 
ung die Thatigkeit der einheimischen Maler. 
Doch das gibt für die kunstgeschichtliche Beurtheilung keinen 
Massstab. Brülows Bild war ein zahmes Compromisswerl; zwischen 
Classicismtis und Romantismus. Man erhielt scheinbar etwas Neues 
ohne doch seinen Geschmack verändern zu müssen  und gerade 
das mzlchte den Maler  wie gleichzeitig Delatroche, zum Liebling 
der Alten und Abgott der Jungen. Statt der abscheulichen gemeinen 
Wirklichkeit, statt unscheinbarer Menschen, wie sie iVeneziatnow 
gemalt hatte, sah man eine hübsche Theaterdekoration mit niedlich 
posirenden Idealfigtiren. Der Typus der Classicisten war zwar etwas 
geändert: an die Stelle der Antinotls- und Laoktionköpfe war ein Ge- 
misch Domenichinos und der Niobe getreten  aber das schöne hohe 
Ideal, das mit gelbweissen und braunrothen Wachsfiguren sein Wesen 
trieb und sie in kunstvolle Theaterposen setzte, blieb doch noch immer 
in Ehren. Die mehr als mittelmiissige Oper von Paccini vL'ultimo
        

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