Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1627735
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XLIII. 
RUSSLAND 
Freiheit von Schulformeln und jugendlicher Innigkeit. Man möchte 
eine naive Erscheinung, eine Naturkunst, geboren in einem Lande 
ohne Museen, unter einfachen Leuten, man möchte Bilder, wie man 
sie noch gar nirgends gesehen hat, möchte einen Strom frischer 
Luft fühlen, einen neuen Geschmack haben. Die russischen Schrift- 
steller sind in jedem Blutstropfen Russen. Nirgends erscheint das Band 
zwischen dem geschriebenen Wort und den geheimsten Schmerzen 
der Nation so eng geknüpft. Sie fühlen mit ihrem Volke auf's Un- 
mittelbarste, sein Pulsschlag ist auch der ihre. Alles ist durchdrungen 
vom Erdgeruch der heimathlichen Scholle, vom Safte volksthüm- 
liehen Lebens. Ihr Natursinn schmiegt so eng dem geheimnissvolleii 
Weben der Elemente sich an, die Atmosphäre ist so gefüllt und ge- 
spannt von Kundgebungen eines eigenartigen Seelenlebens, dass man 
gerade in Russland auch eine Kunst von starrstem Nationalitiits- 
gefühl erwarten möchte, eine Kunst, die ebenfalls die zuckenden 
Nervenfasern ihres Volkes blossdeckt; in der latites Schluchzen mit 
Hohngelächter, heiteres Lachen mit dumpfem Grabesgelaute, fieber- 
hafte, tingezügelte Wildheit mit schvstermüthiger Entsagung, brenz- 
licher Schnapsgertich mit glätibigem Mysticismus sich eint. Man 
träumt von seltsamen Dingen: von Heiligenbildern und Knuten, von 
öden Steppen, ltlagenden Zigeunerliedern und düstern Kiefernwaldern, 
von Mond und Nebel, Tod und Grab und Gram und Sehnsucht, von 
trockener Jtilisonne und starrenden Eismeeren, von Menschen, deren 
Tage in nutzlosem Einerlei vorüberziehen, dumpfen, gebrochenen, 
verschlafenen Existenzen, die ohne Wünsche und ohne Bedürfnisse 
entstehen und vergehen, wie Grashalme am Wege. von Niemand 
beachtet, von Niemand beklagt  von kühnen Fetiergeistern, die 
in religiösem Stumpfsinn vor Heiligenbildern verhungern  hoch- 
geborenen Aristokraten, die Habe und Titel von sich werfen, um 
arbeitend im Schweisse des Angesichts die verlorene Seelenruhe zu 
finden  von Kosaken, die auf feurigen Rossen über unendliche sonnige 
Wiesenfliichen sprengen, und Bauernkintlerii, die, um glimmende 
Feuer gelagert, sich Spukgeschichten erzählen. 
Aber die Kunst hat mit schwereren Vorbedingungen als die 
Literatur zu rechnen. Auch den Werken der russischen Schriftsteller 
fehlt die abgeschlossene Form des Kunstwerks. Tolstoi und Dosto- 
jewski stehen dem Tinteniisse nicht näher, als jeder andere gebildete 
Mensch, der seine Gedanken klar ausdrücken kann. Was sie aus- 
zeichnet, ist keine Fertigkeit, sondern ihre Natürlichkeit und Ein-
        

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