Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1627513
XLII. 
Norwegen. 
IT fast noch grösserer Freiheit und Kühnheit traten die 
 Norweger in die moderne Kunst ein. Es zeigt sich gerade 
bei ihnen recht deutlich, welch gewaltigen Rückhalt die 
moderne Kunst in jenen von der Kultur noch ungebrochenen Völkern 
besitzt, die ohne ästhetische Voreingenommenheit mit dem frischen, 
hellen Auge des Naturkindes sich ihr nahen. Was bei den alten 
Kulturvölkerit eine eroberte Unschuld, eine naivete intelligente ist, 
ergab sich bei ihnen natürlich und unbewusst. Sie hatten nicht 
nöthig, sich mühevoll von denrDruck falscher Frziehungsprincipien 
zu befreien, der anderwarts auf allen Neuerern lastet. Sie waren 
nicht eingeschlossen Jahre hindurch in den Zellen der Ecole des 
Beaux Arts, brauchten die Kämpfe nicht zu bestehen, die anderwärts 
die Stärksten liefern müssen, um sich selbst und die Natur zu finden. 
Als Menschen, die nie einen Antheil an einer Kunstphase der Ver- 
gangenheit gehabt und ohne viel akademischen Unterricht aufwuchsen, 
begannen sie, Land und Leute ihrer Heimath darzustellen, mit Augen 
so klar, wie nur Naturvölker sie haben, und mit einer Technik so 
tirwüchsig, als sei der Gebrauch von Pinsel und Farbe erst für sie 
erfunden. Daher verriith sich in ihren Werken oft noch das Bar- 
barische des Utigebildeten, der als Fremdling in die Kunstwelt ein- 
tritt. Sie haben noch keine Zeit gehabt, ihre Ideen zu verfeinern, 
zu verzieren und auszuschmüclten, sie zeigen sie gänzlich nackt, 
vermögen ihren starken, ungestüm hervorqtiellentlen Wirklichkeits- 
sinn noch nicht zu zwingender Harmonie zu" bändigen. Ihre Kunst 
ist eine sanguinische, derbe, zuweilen rohe Kunst, selbst in der 
Farbe hart und brüsk, besonders auffallend durch ein kaltes Roth 
und stumpfes Violett, jene Farben, die auch im Holzanstrich der 
norwegischen Hiiuser beliebt sind. Ein an den alten Meistern ge- 
schulter Amateurgesclntiack kann sich nur entsetzen über dieses 
brutale Licht und diese verletzenden Töne, die in den Interieurs.
        

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