Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1627031
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DÄNEMARK 
Bodens. Der Reiz dieser dänischen Natur besteht nicht in pracht- 
vollen Farben und grossen Conturen. Alle Linien sind sanft ge- 
bogen, Weich in jeder Form, ohne grosse Abwechslungen oder Ueber- 
raschungen. Selbst in den schönen Waldungen rings um Kopen- 
hagen runden sich die riesigen Buchen so harmonisch, dass sie 
eher die Empfindung der Sanftheit als der Kraft geben. Die Natur 
entspricht gewissermassen der dänischen Sprache, die ebenso mild, 
discret, fein und schwunglos ist, wie die Linien des Landes. Der 
Däne kennt kein breites Lachen, sondern nur ein Lächeln, keine 
urwüchsige Ausgelassenheit, nur ein Stillvergnügtsein. jedes laute 
Gebahren gilt als unfein. In dem grossen Vergnügungsgarten von 
Tivoli bewegen Tausende von Menschen sich mit einem Anstand 
und einer Stille, die fast etwas Unheimliches hat. Niemand ruft; 
wer mit seinem Nachbar spricht, flüstert unhörbar. Auf der Strasse, 
den öffentlichen Promenaden, den Restaurants  überall wird nur 
im Flüsterton gesprochen. Auch die dänische Landschaft kann nur 
flüstern, nicht schreien; nur lächeln, nicht lachen. Sie kennt nichts 
Brutales, nichts Abgerissenes, nichts zu Grosses, keine brüsken Ueber- 
gänge, keine plötzlichen Unterbrechungen  sondern nur weite 
Flächen mit unbestimmten, verschwimmendeii, fast ungreifbaren 
Linien, sanftes, welliges Gelände, das unmerklich am Ufer des Meeres 
aufhört oder in sanften Senkungen sich um stille Waldseen windet. 
Es gibt, ausscr in jütland, keine eigentlich herben, rauh urwüchsigen 
Gegenden, aber Alles ist abgelegen, einsam und ruhig. Zuweilen 
sieht man ein niedriges, weiss angestrichenes Häuschen, dessen 
Strohdach im Sonnenschein glänzt oder in der Dämmerung zart 
bläulich Himmert. Die Atmosphäre, in Holland feucht und neblich, 
ist in Dänemark von einer kühlen Frische, die Vegetation, dort fett 
und üppig, hier von einem weichen, gedämpften, ein wenig bleich- 
süchtigen Grün. Selbst der Sonnenaufgang und Sonnenuntergang 
hat nichts Eifektvolles, Pathetisches wie in Norwegen, sondern etwas 
Unentschiedenes, Beruhigendes, Mysteriöses. Der Künstler, den eine 
solche Natur umgibt, wird leicht nachdenklich und träumerisch wie 
sie, seine Bilder bekommen denselben leicht rhythmischen, gedämpften 
Charakter. Und thatsächlich geht durch die Mehrzahl der dänischen 
Landschaften ein Hauch jener sanften Melancholie, die an Cazin ge- 
mahnt. Das ist nicht Reminiscenz und nicht Plagiat, sondern die 
natürliche Verwandtschaft mit dem Maler, der in Frankreich am" 
besten den Charakter der nordischen Ebenen malte, ihre feuchte
        

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