Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1626465
DÄNEMARK 
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Empfindungen reizbarer, in seinem Organismus feinfühliger sich ent- 
wickeln, als eines, das zwischen Bergen und rauben Felsklippen 
wohnt. Der Duft und Klang dieser seltsamen weichen Natur macht 
die Nerven vibrirender, zarter. Hast du Jacobsen gelesen? Erinnerst 
du dich der Gestalten von Niels Lyhne und Mogens und Marie Grubbe, 
die so weich und träumerisch hingebend sind, die so haltlos halb der 
Wirklichkeit, halb verschwiommenen Nebelbildern leben, die so viel 
zarte, überzarte Empiindtmg haben und sofort fallen, sobald eine 
rauhe Hand sie aus ihrer Sphäre herauszieht. Erinnerst du dich der 
Verse, die Mogens leise vor sich hinsummt: 
In 
In 
Sehnen leb 
Sehnen. 
Derselbe geheimnissxiolle Duft, den die YVerke jacobsens haben, 
jenes traumhaft sich V erlierende, Zerrinnende, im Nebel Verschwim- 
mende, das an die weichen Uferlinien von Seelantls Küsten mahnt, 
ist auch der dänischen Kunst zu eigen. Auch sie hat etwas seelisch 
Verschämtes, ein unendliches Bedürfniss natch dem, was zart und fein 
ist, etwas seltsam Insichgekehrtes, Zaghztftes, Zauderndes, schmelzend 
Muthloses, jung Harmloses und doch Thriinenschimmernties, eine 
Sehnsucht, die wie Wehmuth ist, eine Entsagung, die sich in stillen, 
schmerzlich süssen Elegien Luft macht. Auch sie meidet den kalten, 
klaren Tag, die indiscrete, entschleiernde Sonne. Alles ist eingehüllt 
von weichem, gedämpftem Licht, Alles geheimnissvoll, schweigend, 
in freundlich wehmtithigen Träumen schweigend. Verschwonnnene 
Landschaften sind dargestellt in nebelverlorenen Linien, mit un-' 
bestimmten Tiefen und leisen Tönen. Oder dunkle Vvblinzinnncr, 
in denen Thee auf dem Tische steht und stille Leute sich in Stühle 
zurücklehnen. Im Ofen brennt das Feuer mit gedämpftem, behag- 
lichen Schnurren. Auf dem Tisch steht die Petroleumlampe und 
erfüllt den Raum mit mildem Diiinmerschein. Der bläuliclie Rauch 
der Cigarren mischt sich mit dem röthlichen Schein des Kaminfeuers, 
das seinen Widerschein auf den Teppich wirft, während von draussen 
leise Regentropfen gegen die Fensterscheiben schlagen. Von welch 
altmodischer Zierlichkeit sind diese Möbel, diese grossen Tische 
aus Mtthagoniholz und kleinen Secretiire auf dünnen, geschnörlaelten 
Beinen. Das sind nicht Möbel, die dumm und gleichgültig dastehen, 
sondern ererbte, gepflegte Möbel, eng verwachsen mit dem Dasein 
der Menschen. Wie gemüthlich, zutraulich sehen sie zu, wenn die
        

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