Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1626368
XXXIX. 
HOLLAND 
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als Künstler etwas ganz Persönliches zu sagen hat. Einzelne seiner 
Radirungen ragen an Tiefe des Naturgeftihls, classischer Einfachheit 
und suggestiver Kraft itst an Rembrandt heran. Sie zeigen einen 
Maler, der mit erregtem Auge, fast religiöser Warme, die geringsten 
Dinge, ein Stück XVäsche, das Gras in der Sonne, das Gelbblond 
des Meersandes betrachtet. NVie nett sind diese Kleinen, die am 
Meere mit Papierschilfchen spielen. Wie ist die gefährliche See an 
diesem Morgen ein ruhiges mildes Element. Und mit wie einfachen 
Mitteln ist doch der Eindruck der tinermesslichen Ausdehnung 
erreicht. Mit wenigen Strichen weiss er die feuchtklare Atmo- 
sphäre und die zarte Tönung des Himmels zu geben. Sonnen- 
durchgliinzte Strandpartien wechseln mit schattigen Stuben, die 
mächtigen Silhouetten knochiger Seeleute mit zart hinskizzirten 
Fischerkintlern. liine Bäuerin sitzt am Meeresufer vor den ruhigen 
XYogen, eine andere arbeitet in ihrer Hütte, in der es eben anfängt, 
diimmerig zu werden, ein Kind liegt in der YViege, eine runzliche, 
stille, alte Frau, in weiches Dunkel gehüllt, wvärmt sich am Ofen 
die müden Hände. Alle Bliitter sind iiusserst geistreich, bald leicht 
improvisirt, capriciös und gewollt, bald ausgearbeitet, gefeilt und ge- 
rundet, immer aber persönlich, malerisch, frei, die Geste und den 
Ausdruck mit souveräner Sicherheit gebend. Josef Israels ist nie 
zurückgegangen, liess nie sich vom Kunsthandel umgarnen, ist immer 
grösser geworden, und dieser charaktervollen Selbstkritik verdankt 
er, dass er noch heute als anerkanntes Haupt der holliintlischen 
Malerei dasteht. 
In ihm verkörperte sich die Kraft des modernen Holland. lir ist 
der Bahnbrecher gewesen, nicht nur für Stoffe, 'I'echnil; und Farbe; 
auch an Vielseitigkeit reicht keiner derjüngeren an ihn heran. Von 
ihnen hat jeder seinen kleinen Acker, den er tinabliissig bebaut. Der 
eine malt nur Mädchen am Strande, der nur schummerige Interietirs, 
der Stiidtebildei" bei dunstigem Abend, der graubratines Gelände mit 
melancholischmegendtisterem Himmel, der das fette, üppig grüne 
Phlegma des holländischen Bodens, der flache Ufer mit Windmühlen 
und rothdachigen Hausern, die sich in mattem Parbenschimmer vom 
einförmigen Grau der Wolken lösen  jeder malt ein 'l'heilchen 
von Israels. 
Christoph Bissclzop, der itrbenfretidige Meister, der heute eben- 
falls im Htutg lebt, ist nur vier Jahre jünger als Israels und arbeitete 
auch kräftig am Umschwung der holländischen Malerei. Gleyre und
        

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