Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624536
Das Grundprincip der modernen Kunst bewirkte sogar, dass die 
nationalen Unterschiede jetzt weit mehr als früher sich geltend 
machten. -In der ersten Hälfte des Jahrhunderts hatte überall die 
Tendenz geherrscht, das Individuelle, Besondere zu unterdrücken 
und einer allgemeinen Regel unterzuortlnen. Die Maler aller Länder 
bewegten sich unter dem Commando der alten Meister ganz gleich- 
mässig wie exercirende Soldaten. Dann  nach Courbets Lehre  
war der Künstler Sklave der Natur gewesen. Man wollte einen 
Gegensatz zum Historischen und Imitirten und fing daher mit der 
Natur und seinen Augen von vorne an, so objectiv, als ob das 
Medium der menschlichen Seele vom Uebel sei, als ob der Mensch 
wie ein photographischer Apparat zu sehen im Stande wäre und sich 
selbst bei diesem Prozess zu Hause lassen könne. Der Naturalis- 
mus bezeichnete diesem Realismus gegenüber das Freiwerden der 
Individualität. Auch die Impressionisten lehnten jegliches Recept 
ab und stützten sich auf die Natur. Aber nicht wie Courbet wollte 
auf Kosten der künstlerischen Persönlichkeit. Vielmehr verlangten 
sie von dieser so gut wie Alles. Statt die Natur in ihrer platten 
Realität pedantisch abzuschildern, suchte man sie in Hüchtigen Mo- 
menten farbigen Leuchtens und eindringlicher Poesie ihrer Wesen- 
heit nach zu fassen, in Momenten, wo sie die Seele des eigenartig 
anschauenden Künstlers besonders zu erregen verstand. Das Tem- 
perament des Malenden, das für den Realisten ein nothwendiges 
Uebel, eine Gefahr für die Objectivität der Schilderung, ein Hinder- 
niss in dem Bestreben, die volle Wahrheit zu erreichen gewesen war, 
wurde das Bestimmende im Kunstwerk. Das Temperament aber ist 
Sache des Blutes. Nachahmer kann also überhaupt nur das schwache 
Talent werden, an dem nichts verloren ist. Die Individualität des 
echten Künstlers löst sich nie von der Race los. je rücksichtsloser 
er seinem eigenen Temperament folgt, desto deutlicher bringt er zu- 
gleich die Volksindividitalität zum Ausdruck. Aus diesen Tempera- 
mentsverschiedenheiten der einzelnen Völker entspringen allein in der 
Kunst die nationalen Unterschiede. Sie runter diesem Gesichtspunkt 
zu kennzeichnen und danach jedem Lande Platz und Provinz in der 
Universalkarte der modernen Malerei anzuweisen, ist die Aufgabe des 
folgenden Abschnittej. 
        

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