Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624525
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dem Folgenden ein Erbe latenter Kräfte, fortbildungsbedürftiger 
Formen, beunruhigender Fragen. Deshalb ist die Unähnlichkeit von 
Künstlern zweier Menschenalter an demselben Ort bei engem Zu- 
sammenhang erheblich grösser, als der Unterschied. gleichzeitiger an 
verschiedenen Orten bei völliger Unbekanntschaft. Schüler sehen 
Lehrern, unter deren Dach sie jahrelang gearbeitet, sobald sie sich 
auf eigene Füsse stellen, sehr tinähnlich; Meister derselben Epoche 
aus verschiedenen Nationen, die nie von einander gehört, sehen 
einander oft zum Verwechseln illlllllClls. Diese Worte aus ]usti'S 
xVelazqueza genügen zur Entkräftting der patriotischen Befürcht- 
ungen, die aus der äussern Gleichmässiglaeit der modernen Bestreb- 
ungen ein Aufgeben des Nationalitätsprincips, das Hereinbrechen 
charakterlosen Kunstvolapüks ableiteten. 
Die Kunstgeschichte kennt keine nationalen Unterschiede in 
Stoffen und Technik. Die Stoffe entspringen der allgemeinen 
Civilisationsatmosphäre. Die technischen Errungenschaften aber sind 
wie alle neuentdeckten Wahrheiten Besitzthum der ganzen Welt. 
jedes kunstgeschichtliche Handbuch lehrt, dass seit der Einführung 
des Christenthums alle grösseren, mächtigeren Bewegungen auf dem 
Gebiete der modernen romanisch-germanischen Welt nicht localisirt 
blieben, nicht auf ein Volk sich beschränkten, sondern sich aus- 
breitend die ganze civilisirte Welt ergriffen. Seit der altchristlichen 
Basilika und dem gothischen Dome waren die Stile nie Producte 
einzelner N-tttionen. Und in diesem Sinne ist auch die vneue 
Kunstx, die seit 20 Jahren Europa überfluthete, keine Erfindung 
der Franzosen, sondern eine freie selbständige Aeusserung des 
neuen Zeitgeistes. Nicht in Frankreich, überhaupt nicht hier und 
da zerstreut, in einzelnen Ländern trat ihr Geist auf,  ein einheit- 
licher Blutstrom sendete seine Verzweigungen nach Ost und West, 
nach Süd und Nord  in der Malerei wie auf andern Gebieten des 
Geisteslebens. In allen Literaturen tobten schon längst dieselben Kämpfe. 
Was man Zola bei den Parisern nannte, hiess in Russland Dostojewski, 
bei den Norwegern Ibsen, bei den Spaniern Echegaray, in Italien 
Verga. W'ohl nur, weil die Franzosen in der Kunst das Volk der 
Initiative sind, weil sie in hervorragendem Grade das Talent besitzen, 
den Edelstein zu schleifen, einem Gedanken, einem Stoff erstmals die 
allgemeingültige, verständliche und anziehende Form zu geben, ging 
in der Malerei von ihnen die Revolution aus, während sie in der 
Literatur den Ruhm mit den Norwegern und Russen theilen.
        

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