Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1626175
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XXXVIII. 
BELGIEN 
nachdem sie das rhetorische Pathos überwunden, stille, ruhige Winkel 
aufstichten, denen nur die Atmosphäre ihre sStimmtinga gibt. Der 
zauberhafte Reiz des Morgens, der goldene Glanz der Abenddämmer- 
ung, die tinentiliche Manigfaltiglteit der Töne, die das Licht auf den 
Wogen erzeugt, wurden seit Glays das Ideal der Maiineinaler. 
Ä. Bon-vier, über dessen Bildern gewöhnlich ein einförmiges Grau 
lagert, liebte statt der funkelnden glitzernden Ruhe der See mehr 
die pliitschernden XVogen und regnerischen Himmel. Bei Lcenmns 
klingt noch ein wenig Romantismus und eine schwache Erinnerung 
an die Mondniichte van der Neers nach. In den letzten Ausstell- 
ungen fiel besonders A. Baertsoen durch Marinen von wuchtiger 
Breite und ernst düsterer Stimmung auf. Louis Arlrzn, der 1866 
mit wDünen am Ufer der Nordseeß. debütirte, war unter diesen belg- 
ischen Marinemalern Wohl der feinste, subtilste Colorist. Gleich Glays 
verlässt er ltaum das Ufer oder vergisst Wenigstens, wenn er auf 
hohe See geht, nicht die blasse Linie der Dünen anzugeben, die 
fern den Horizont begrenzen. Sein Colorit ist sehr delicat: er sticht 
gebrochene blasse Töne, helles Blau, weiches Grün, bleiches Rosa. 
Seine Bilder haben etwas Einschmeichelntles, Zartes. YVie Boulengei" 
als Landschafter, ist er sensibler für das flüchtige, zarte Spiel des 
Lichts, als es gemeinhin die belgischen Maler sind. Beide hatten in 
ihren Adern eine Mischung vliunischen und französischen Blutes, 
das gibt ihren Bildern eine eigene Physiognomie, eine anziehende 
Mischung von Kraft und Grazie, von vliiniischer Schwere und fran- 
zösischer Leichtigkeit. 
Denn darüber besteht auch heute, nachdem die belgische Malerei 
aus der Courbetphase herausgetreten, kein Zweifel: Eine gewisse 
Erdenschwere und ölige Compaktheit, das gerade Gegentheil von 
Impressionismus, liegt ihr trotz des angenommenen hellen Tons 
noch immer in den Gliedern. Es gibt in Belgien zur Zeit viele, sehr 
viele gute Maler. Die belgische Kunst ist eine gewissenhafte, redliche 
Kunst. Ueberall wo sie sich zeigt, fällt sie auf durch ihre Gesund- 
heit, robuste Kraft und animalische Warme. Aber im Grunde 
liegt ihre Bedeutung doch in einer mehr iiusserlichen handwerklichen 
Bravour. Die Farbe zum Ausdrucksmittel einer subtilen Empfindung 
zu machen oder  Studium des Lichtes in die rafiinirtesten Gon- 
seqtienzen zu verfolgen, ist ihre Sache nicht. Sie malt fett und breit, 
bewegt sich ohne Anstrengung, bietet aber auch der Ueberraschungen 
wenig. S0 tadellos gut ihre Erzeugnisse, Scenen aus dem Volltsleben,
        

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