Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1626114
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XXXVIII. 
BELGIEN 
 was gewiss seine Wirkung nicht verfehlen würde, wenn der Wald 
auch in Wirklichkeit den Eindruck machte, als ob man zuerst und 
ganz nothwendig die Zahl der vorhandenen Biitime konstatiren müsste, 
da einer, da noch einer, dort wieder einer. Man stand immer noch 
ängstlich und furchtsam der grossen Natur gegenüber; die Malerei 
hatte einen "Stich ins Kleinliche, Hübsche, Gefiiillige, eine gesuchte 
Poesie künstlich gestimmter Töne. Alfred de Knyjjf, in der Schule 
der Rousseau, Dupre, Paul Huet und Cabat gebildet, scheint zuerst 
das unverfälschte Programm der Meister von Fontainebleau nach 
Belgien gebracht zu haben und erregte gleich Rousseau das ab- 
fiillige Kopfschütteln der dortigen Kritik, weil er wgrüne malte. In 
den nächsten Iahren macht dann die gewissenhafte Atelierlandschalt 
immer mehr dem frischen Natturbilde Platz. Die Wunder des Lichtes 
und der Atmosphäre werden auch in Belgien das Hauptstudientäbject 
der Landschafter. 
Hzlbpulyte Boulengei" ist in der Kunstgeschichte als der belgische 
Corot zu feiern. Auch er hatte von der Pike auf gedient, war 
Stubenmalei- gewesen, bevor er der Landschafterei sich zuwandte. Er 
bewohnte damals eine Mansarde dicht unter dem Dach; jeden Morgen, 
wenn er aufstand, undjeden Abend, wenn er nach Hause kam, Hel 
sein Blick auf den Himmel. Er begrüsste neugierig die ersten 
Sonnenstrahlen, die früh in sein Zimmer rieselten und beobachtete 
Abends das letzte Zucken des Lichts. Dadurch wurden Gedanken 
und Empfindungen in ihm angeregt, die er das Bedürfniss fühlte, 
malerisch auszusprechen. Auf die Akademie konnte er,_da er zu 
arm war, nicht gehen, er musste zufrieden sein, wenn es ihm ge- 
lang, eine der Copien zu verkaufen, die er im Brüsseler Museum nach 
alten Meistern anfertigte. Doch eines Sonntagmorgeirs hüpften die 
Sonnenstrahlen zu verlockend in seiner Dachkammer umher. Er 
nahm Leinwamd und Pinsel und ging zur Stadt hinaus. den alten, 
mit grossen Linden umsiiumten Fahrweg entlang, an Wiesen, Aeckern 
und Waldungen vorbei, vorüber am Schlachtfeld von Waterloo. In 
einer alten Dorfkneipe hinter dem Bois de la Cambre miethete er 
sich ein und hatte seitdem seinen Beruf gefunden. Er fing an. das 
Licht zu beobachten, wie es, in jeder Stunde verschieden. anscheinend 
capriciös und doch mit logischer Regehnässiglteit das Grün der Blätter, 
das Grau des Bodens, das Blau des Himmels mit andern Farbennüancen  
übergiesst. Er suchte das Mysterium der ewigen Vifandlungen des 
Lichtes zu ergründen, gleichsam den Stundenplan der Sonnenstrahlen
        

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