Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1626039
XXXVIII. 
Und indem sie, jenen im Princip folgend, die Menschen ihrer eigenen 
Umgebung malten, schwelgten sie zugleich wieder in der warmen 
saftigen Farbe, die zu _lordaens' Zeiten die vliimische Malerei be- 
herrschte. 
Heuri de Bmelceleer, ein Neffe von Leys und Sohn jenes Ferdi- 
nand de Braekeleer, dessen Genrebilder vor sechzig Jahren grossen 
Ruf hatten, wurde der belgische Pieter de Hoogh des 19. jahr- 
hunderts. Er schloss gewissermassen die Tradition von Leys ab, 
brachte dessen Bestrebungen in eine rationelle, definitive Formel. 
Leys hatte, noch nicht selbständig gegenüber den Alten, das Volk von 
Antwerpen gemalt, das zur Zeit der primitiven Meister in dieser Stadt 
lebte; Henri de Braekeleer malte das Volk, das er selbst sah. Wie 
alle Städte, die eine Vergangenheit haben, zerfällt Antwerpen in zwei 
scharf geschiedene Theile. Den einen bildet die neue Stadt mit ihren 
breiten, geraden Strassen und steinernen Palästen, durch deren hohe 
Fenster ein feines graues Licht in behäbig vornehme Zimmer fallt; den 
andern der alte Stadttheil, mit seinen verräucherten kleinen Häusern, 
seinen malerischen Hofraumen, den winkligen, nur durch ein spar- 
liches Stück grauen Himmels beleuchteten Gässchen, und der alten 
vlämischen Bevölkerung, die heute noch gerade so lebt, wie ihre Vor- 
Rthren vor 200 Jahren. Ein Maler, der aufgezogen war in der Schule 
von Leys und gleich diesem die altholliintlischen Coloristen ver- 
ehrte, musste sich hingezogen fühlen zu diesem alten Gewinkel. zu 
diesen Lichtstrahlen, die verstohlen durch kleine Fenster in lauschige 
Zimmer fallen und auf blankgeptitztem Zinn- und Kupfergeschirr 
spielen. Hier konnte man in holliintlischem Helldtinkel schwelgen,  
de Braekeleer that es. Er malte nicht das laute Antwerpener Strassen- 
leben, nicht den schweren Tritt der Lastpferde, die hochbeladene 
Frachtwagen über holperiges Pliaster ziehen, nicht den Rauch und 
Qualm der Schlöte tintlFabriksiile. Er malte die Einsamkeit und "Ruhe 
einer schlafenden Stadt. rothe Dächer kleiner Häuser. die sich triinnier- 
isch im trüben Licht des Himmels baden, kleine Hofriiume, wo alte 
Leute auf der Bank sitzen und sich bescheinen lassen von den Strahlen 
der Sonne. Er malte vegetirentle Menschen, deren Leben in schläfriger 
liinförniiglteit hinfliesst, oder Menschen in der regelmässigen Thiitig- 
keit ihres Berufs: Seiler, Schneider und Schuhmacher, alte Männer, 
die lesen, oder Geographen, die über ihre Karten gebeugt sind, ärm- 
liche Gärtchen mit verriiticherteii Blumen, schummerige Interieurs mit 
kleinen Bleifenstern, Er selbst wird als ein stiller, triiumerischei" Mensch
        

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