Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1626010
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XXXV 
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Wesen, die bei der Geburt 
Vorliebe für die Krankheit. 
schon dem 
das Hiisslicl 
'l'ode verfallen 
1c und den Vcr 
sind. Diese 
E111 des Men- 
schen gibt de Groux' Werk eine schreckliche liinfi'n'inigkeit. Seine 
Bilder sind freud- und trostlos. Die bleischwere Stimmung eines 
Regentages, die Melancholie niedriger. unter schmutzigem Schneedach 
begrabener Hiiuser, die schwere Atmosphiii'e trüber Herbsttage sind 
die Dinge, die er am meisten liebt. Man lindet bei ihm keinen 
Frühling, keine singenden Vögel und spielenden Schmetterlinge; 
kaum, dass ein Stückchen Grün die rusige Gleichförmiglteit seines 
Colorits belebt, das düster ist wie das Leben der Armen. Die trübe 
Wirklichkeit herrscht ganz in seinem Werke. Es gleicht einem 
Hospital n1it kranken Menschen, denen schon an der Wiege gesungen 
ward, dass sie hungern und frieren müssten. Unerbittlich. wie ein 
Chirurg, der ein krankes Glied operirt, hat de Groux aus seiner 
Kunst eine Klinik gemacht, oft brutal, wo sein Pinsel die tiefsten 
Wunden der modernen Cultur berührt. Sein Ideal überschreitet 
nicht die Thürschmrelle der Kellerwohnungen und Mansardcn. Es gibt 
in seinen Bildern nur ärmliche, zerbrochene Möbel, geflickte Lumpen 
und bleiche Gesichter, in die Hunger und Arbeit ihre frühzeitigen 
Falten geschrieben. Er malt die Leiden und die Mühsal des Arbeiters, 
die ganze Degeneration des Menschen, dem das Licht und die Luft 
fehlt, mit einer fürchterlichen Ehrlichkeit, wie keiner vor ihm. Selbst 
Tassaert, der Beranger der Mansarden, hatte nur von kleinen Grisetten 
erzählt, die sich, ein bleiches Lächeln auf den Lippen, mit Kohlengas 
tödten. Nie zeigte er die öde Nacktheit einer Dachstube, wo alte 
Männer unter schmutzigen Betttüchern den Hungertod sterben. Eine 
echt französische Grazie milderte bei ihm die Traurigkeit. De Groux 
ging bis zum Ende des Weges; er malte das Assommoir, noch be_ 
vor es zu Romanen verarbeitet war: den schwer nach Hause wanken- 
den Trunkenbold, verkommene, in rauchigen Kneipen beim Schnaps- 
glas hockende Gesellen und als traurige Kehrseite zitternde Kinder. 
die hungrig in tmgeheiztem Zimmer frieren, bleiche Frauen, die mit ver- 
weinten Augen unter dem trüben Licht schmutziger Fensterscheiben 
nähen, alte zerbrochene Wiegen. in denen kleine Kinder gestorben 
sind. Selbst wenn er einen milderen Ton anschlägt, kennt er nur 
die Regelmässigkeit der Arbeit oder die Noth des Lebens: arme Weiber, 
die am trüben Nachmittag die zerrissenen Kleider des Mannes oder 
der Kinder flicken, Bettler, die schlotternd an den Strassenecken 
stehen, halb erfrorene arme Leute, die scheu um das Kohlenbecken
        

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